Nichts als heiße Luft

Bei IKEA kommen viele Menschen mit großem Innovationsgeist und unersättlicher Neugier zusammen. Innovation und Entwicklung sind aber auch oft eine Gradwanderung. Wie sich eine tolle Idee in ein aufgeblähtes Flusspferd verwandelte, zeigt die folgende Geschichte über das erstaunliche Fiasko mit IKEA a.i.r. So viel möchte ich vorwegnehmen: Es handelt sich um einen der witzigsten Fehler, der IKEA jemals unterlaufen ist – und das gleich zweimal!

Ikea Air 01

Denkt man an IKEA, kommen einem automatisch einige der IKEA Klassiker wie BILLY oder KLIPPAN in den Sinn. Genauso hohen Wiedererkennungswert haben aber auch die flachen Pakete, in denen wir die neu erstandenen Schätze in unser Zuhause befördern. So dicht gepackt und so clever konzipiert, damit zwischen Lieferanten, Lagern, Einrichtungshäusern und unserem Zuhause keine Luft transportiert wird. Was das Mobiliar bei IKEA anging, konnten bisher nur Sofas und Sessel nicht in die schlanken, braunen Boxen gehüllt werden. Shoppte man Artikel dieser beiden Produktgruppen, so waren die Verpackungen genauso sperrig und unhandlich, wie die anderer Anbieter. Ein Status quo, den bei IKEA niemand auf sich sitzen lassen wollte. Logische Konsequenz: Es braucht eine zündende Idee, durch die Sofas und Sessel in flache Pakete gesteckt werden könnten!

So kam es, dass IKEA Innovator und Designer Jan Dranger Mitte der 1980er Jahre nach Älmhult reiste. Im Gepäck hatte er eine der genialsten Ideen, von denen IKEA Gründer Ingvar Kamprad je gehört hatte: mit Luft gefüllte Möbel. Sofas, Sessel, Tagesbetten und Hocker aus aufblasbaren Kunststoffelementen. Um Ingvar Kamprad war es geschehen: Er war so begeistert von der Idee, dass er sie sofort in die Tat umsetzen wollte. „Los geht’s! Wir stellen Möbel zum Aufblasen her!“

Um ein wenig Hintergrund zu dem Tatendrang des IKEA Gründers zu liefern: Ingvar Kamprad war ein Rebell. Er ist der Urvater der kreativen IKEA Köpfe, Innovatoren und Entwickler. Bis heute suchen seine Neugier auf die Welt und sein Bestreben, den Alltag der vielen Menschen besser zu machen, ihresgleichen. Es entspricht der IKEA Philosophie, niemals eine vielversprechende Idee abzulehnen. Es ist Ehrensache, einer Idee optimistisch zu begegnen, bis das Gegenteil bewiesen wurde.

Ikea Air Thumb

Nun aber zurück zu den aufblasbaren Möbeln. Das Konzept sah vor, dass die Kunden die Kunststoffhülle der Möbel mittels eines Föns aufblasen. Durch ein Ventil sollte das Austreten der Luft verhindert werden. Abschließend sollte die Konstruktion mit einem Textilüberzug bedeckt werden, um dem Möbelstück die Optik eines normalen Sofas zu verleihen. Besonders beachtlich war, dass der Rohstoffeinsatz bei dieser Konstruktion um 85 % und das Transportvolumen sogar um 90 % gesenkt werden konnte. So weit, so gut!

Ikea Air 02

Nun zur Schattenseite dieses verheißungsvollen Projekts. In den IKEA Einrichtungshäusern fiel die Begeisterung über die neuen Luftmöbel – vorsichtig formuliert - verhalten aus. Im Praxistest zeigte sich, dass die negativen Aspekte der Material- und Produktbeschaffenheit, die anfangs so verheißungsvollen positiven Aspekte überlagerten. Die statische Ladung des Materials machte die Möbel zu Staubfängern. Da die Möbel echte Fliegengewichte waren, bewegten sie sich in den Einrichtungshäusern und auch bei den Kunden Zuhause hin und her. Dem Begriff „Möbelsuche“ kam eine völlig neue, wortwörtliche Bedeutung zu. Ein IKEA Mitarbeiter beschrieb die Kollektion sogar als Ansammlung aufgeblähter Flusspferde – ziemlich treffend, denn Ästhetik suchte man hier vergebens.

An dieser Stelle nahm das Fiasko IKEA a.i.r aber noch kein Ende, es taten sich noch weitere Probleme auf. Zum einen verwendeten die Kunden warme statt kalte Luft, wodurch der Kunststoff beschädigt wurde. Zum anderen hielt das Ventil dem Druck nicht stand, sodass Luft austreten konnte. Alles in allem sorgte das Sofa nur kurz für Freude, da es schnell zu einem unförmigen, unbequemen und staubigen Stück Stoff mutierte. Und zu „guter“ Letzt war da ja auch noch das Geräusch beim Hinsetzen, das sehr unschöne Assoziationen hervorrief.

Ikea Air 04

Trotz des Fiaskos der „aufgeblähten Flusspferde“ muss man eingestehen, dass der Kerngedanke des Projekts aus innovativer Sicht nach wie vor spannend ist. Vermutlich wollte IKEA es aus genau diesem Grund ein zweites Mal wissen. Für wen eignen sich leichte, sichere und verspielte Möbel am besten? Genau, für Kinder! Der Kunststoff und das Ventil wurden optimiert und auf Herz und Nieren getestet. Dazu lud IKEA Kids aus aller Welt ein, um mit der Kollektion zu spielen. Die erste Hürde war genommen, die Kollektion bestand den Test. Als sie anschließend in Serienproduktion ging, ließen die alten Probleme jedoch nicht lange auf sich warten: Luft trat aus und die Party war vorbei.

Als ich das erste Mal von der Story zu IKEA a.i.r hörte, musste ich schmunzeln. Die Essenz der Geschichte ist aber eine sehr lehrreiche, denn aus „Fehlern“ lernt man bekanntlich am meisten. Jedes Projekt beginnt damit, dass man etwas ausprobiert, an das man glaubt. Man lernt für seine Sache und die eigene Überzeugung zu kämpfen. Rückschläge oder Hürden bedeuten nicht zwangsläufig das Aus, sie können auch Anlass zu weiterer Entwicklung sein. Steht man für seine Sache ein, lernt man mutig, neugierig und rebellisch zu sein. Ist es nicht toll, wenn jemand etwas Neues, Nachhaltiges oder besonders Raffiniertes erfindet? Genau das hätte hier der Fall sein können. Von der Idee der aufblasbaren Möbel hat IKEA seither die Finger gelassen, nicht aber von dem Ziel, auch Sofas und Sessel flach zu verpacken. Hierzu haben sich die Produktentwickler in Älmhult weiter Gedanken gemacht – das Ergebnis wird im Laufe des Geschäftsjahres in die Einrichtungshäuser kommen.