„Für die meisten Probleme hat irgendwo irgendjemand schon eine Lösung erfunden!“

Kilian Kleinschmidt in einem Lager des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. © Sascha Montag

Wie fühlt sich „zu Hause sein“ an und wo empfinden wir dieses Gefühl? Spannende Fragen, mit dem sich der diesjährige Life at Home Report unter anderem beschäftigt. Um die Ergebnisse von ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten und zu diskutieren, hat IKEA sich mit ganz verschiedenen Wohnexperten zusammengetan. Darunter auch Kilian Kleinschmidt. Als ich mich mit ihm zum Telefoninterview verabrede, ist er gerade im Libanon, das Gespräch einige Tage später führt er von seinem aktuellen „Zuhause“ im griechischen Thessaloniki aus. Kilian ist viel rumgekommen in der Welt: Als Experte für humanitäre Arbeit hat er viele Jahre in Flüchtlingslagern gearbeitet und war Leiter des größten Camps für syrische Flüchtlinge im jordanischen Zaatari. Seit 2014 ist er als Berater tätig, hat ein eigenes Unternehmen in Österreich gegründet und berät Regierungen, z.B. auch das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Kilian, wie kam es zur Zusammenarbeit mit IKEA und hattest du vorher schon einmal vom Life at Home Report gehört?

Durch meine Arbeit bin ich international unterwegs, in vielen Medien präsent und habe viele Erfahrungen gesammelt. Es war nicht das erste Mal, dass ich mit IKEA zusammengearbeitet habe, vorher bereits mit der IKEA Stiftung – und ich habe auch schon IKEA Kataloge im Flüchtlingslager verteilt. Aber dazu später mehr ;-). Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich vorher noch nichts vom Life at Home Report gehört hatte. Ich finde den Report und die Ergebnisse sehr spannend, denn auch in meiner Arbeit geht es tagtäglich um das Thema Zuhause, Heimat, Rückkehr und Individualität.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den IKEA Kollegen ab, die den Life at Home Report erstellt haben?

Unsere Rolle als Experten war, dass wir die Ergebnisse aus unserer Sicht noch einmal beleuchteten und diskutierten. Als Format war das wirklich toll – zwei Tage lang haben wir in London über den Report gesprochen, sind wirklich in die Tiefe gegangen. Denn auch wenn das alles Themen sind, über die wir jeden Tag nachdenken und sprechen, fokussiert man sich selten so konzentriert darauf. Außerdem haben wir Menschen in ihrem Zuhause besucht – diese Mischung war sehr ergiebig und es hat viel Spaß gemacht.

Ikea Cb Interview Kilian Kleinschmidt Thumb Kilian Kleinschmidt im Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Haben dich die Ergebnisse des Life at Home Reports überrascht?

Eher die Tatsache, dass ich für meine eigenen Gedanken eine Bestätigung erhalten habe: Ich bin ja selbst jemand, der mit Menschen zusammenarbeitet, die unterwegs und in Bewegung sind. Aber auch unsere Gesellschaft weltweit befindet sich in der Transformation: Migration ist ein Thema, genauso wie Urbanisierung – und wie Menschen damit umgehen, dass immer weniger einen festen Begriff von Zuhause oder auch Heimat haben. Der Begriff „Home“ wird fluider – mir ist klar geworden, dass eine solche Bewusstseinsveränderung auch eine große Herausforderung darstellt. Und das auf der ganzen Welt. Mobilität ist nun einmal Fakt in dieser Welt – und darin, auch in den Ergebnissen des Reports, finde ich mich wieder. Ich denke manchmal, ich bin alleine mit meinem Lebensstil, doch die Ergebnisse zeigen: Es sind Millionen von Menschen, die genauso denken und fühlen. Das war mir nicht so bewusst und hilft mir, weiter darüber nachzudenken.

Du bist Experte für humanitäre Hilfe, bereits seit mehr als 25 Jahren – im aktuellen Life at Home Report von IKEA geht es darum, dass sich Menschen an Orten zu Hause fühlen, die nicht ihre eigenen vier Wände sind, sondern darüber hinausgehen. Du hast im Rahmen deiner Arbeit Menschen getroffen, die auf der Flucht sind und unfreiwillig kein physisches Zuhause mehr haben, vielleicht nie mehr in ihre Heimat zurückkehren können – wie schaffen es diese Menschen sich „zu Hause“ zu fühlen und wie kann man dabei helfen?

Menschen auf der Flucht haben oft wenig persönliche Besitztümer – da gehören ganz kleine Teile und Dinge zur eigenen Identität. Und das ist extrem wichtig. Hier ist das Flüchtlingslager Zaatari ein gutes Beispiel: Wir haben humanitäre Hilfe geleistet – nach Regeln, Kriterien und Standards. Sprich: Ein Zelt für fünf Leute, ein Koch-Set pro Familie etc. Doch damit waren die Menschen nicht einverstanden und Chaos brach aus. Dass die Zelte in Reihen standen, fanden die Menschen, die darin leben sollten, nicht gut. Sie wollten es individualisieren. Sobald beispielsweise die Wohncontainer kamen, wurden sie neu aufgestellt, umgebaut etc. Und auch bei der Ausstattung ging es vielen darum, Individualität reinzubringen. So entwickelte sich auch die Einkaufsstraße im Camp, die sogenannte Champs-Elysées. Inzwischen gibt es dort rund 3.000 Geschäfte, Restaurants, aber auch Einrichtungsläden mit Farben, Stoffen oder Gardinen. Individualität durch Einrichtung ist den Menschen auch dort sehr wichtig. Und so kommen wir wieder auf die IKEA Kataloge: Es gibt sehr viele Tischler, die sich dort etabliert haben. Diese haben die Pressholzplatten der Wohncontainer zu Möbeln umgebaut. Um den Menschen neue Ideen zu liefern, habe ich aus dem damals neu eröffneten IKEA Einrichtungshaus in Amman IKEA Kataloge mitgebracht und an die Tischler im Camp verteilt – dadurch hat sich die Möbelproduktion verändert.

Auch die Umgebung und Gemeinschaft bzw. Nachbarschaft, in der Menschen leben, ist laut Life at Home Report sehr wichtig, um sich zu Hause zu fühlen. Was gibt es für Möglichkeiten an einem künstlich geschaffenen Ort (wie einem Flüchtlingslager), an dem niemand wirklich zu Hause ist, ein Gemeinschaftsgefühl zwischen Menschen zu schaffen und wie wichtig ist das?

Ich habe während meiner Arbeit auf der ganzen Welt gemerkt, dass zwar sehr wichtig ist, was um einen herum passiert, doch ich muss auch einen Ort haben, wo ich mich andocken kann, wo ich mich sicher fühle – und sei es nur ein Bett. Und genau aus dieser Sicherheit entsteht Gemeinschaft. All das gehört zum Wohlbefinden dazu. Die Bewohner haben sich einen Raum geschaffen, in dem sie ihre Individualität, aber auch Gemeinschaft, leben können. Das Camp ist wie eine Stadt geworden. Andere Flüchtlingslager, in denen die Bewohner ihre Hütten nicht umstellen konnten oder Handel treiben durften, wurden nicht so gut angenommen wie Zaatari.

Ikea Cb Interview Kilian Kleinschmidt 01 Was ist zu Hause? Eine Frage, die sich nicht leicht beantworten lässt

Im Report kam heraus, dass es fünf fundamentale Grundbedürfnisse gibt, die Einfluss darauf haben, ob wir uns an einem Ort zu Hause fühlen: Sicherheit, Privatsphäre, Geborgenheit, Zugehörigkeit und Eigentum – das sind alles Bedürfnisse, die Menschen in Flüchtlingslagern nur begrenzt oder kaum erfahren. Wie kritisch ist das?

Im Grunde ist ein Flüchtlingslager ja die Vorstufe zu einer Stadt. Wir müssen uns daran erinnern, dass Städte meist ein Zufluchtsort waren, als sie gegründet wurden. Ich erwähne gerne, dass das schönste Flüchtlingslager der Welt Venedig ist. Dort haben sich Menschen einst vor Barbaren in Sicherheit gebracht. Auf der Flucht gibt es ein Minimum an Dingen, die man braucht, um zu überleben. Aber trotzdem muss man relativ schnell die Möglichkeit bekommen, Entscheidungen treffen zu können. Darüber, was ich anziehe, was ich esse, auch welche Zahnpasta ich benutze. Und, wenn man dann an einem Ort angekommen ist, wie ich lebe und wie ich mich einrichte.

Erzähle uns doch ein bisschen über dein Unternehmen Switxboard und was eure Ziele sind?

Ich war lange in dem humanitären (Hilfs-)System tätig, in einer Logik der Almosen sozusagen. Irgendwann brauchte ich etwas anderes, war ausgelaugt und habe auch gemerkt, dass sich diese Welt nicht ins 21. Jahrhundert bewegt hat. Unsere Welt ist unglaublich vernetzt, wir haben so viele Möglichkeiten, die Technologie ist so weit entwickelt. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, diese globale Vernetzung zu unterstützen und zu beschleunigen. Ich sage immer wieder, dass für die meisten Probleme irgendwo irgendjemand auf dieser Welt schon eine Lösung erfunden hat. Doch das muss bei den Menschen ankommen. Bei Gemeinden, Städten, Unternehmen, Investoren. Systeme aufbauen, die durch Schwarmintelligenz agiler operieren – das versuchen wir umzusetzen. Ich könnte zum Beispiel innerhalb von einer Stunde jemanden im Irak finden, der dabei unterstützen könnte, eine Klinik zu bauen. Je nach Land bin ich natürlich mehr oder weniger gut vernetzt, aber ich glaube, das ist die Zukunft.

Gab es einen ausschlaggebenden Anlass dafür, dass du dich seit vielen Jahren mit humanitären Themen beschäftigst? Was treibt dich an?

Tatsächlich war alles zufallsgetrieben: Ich war damals Dachdecker (mit Höhenangst) in den Pyrenäen. Dann wollte ich Motorradfahren lernen ­– dafür bin ich in die Sahara gegangen. Danach bin ich nach Mali gefahren und habe dort in einer Kneipe Entwicklungshelfer kennengelernt. Ich bin geblieben, habe eine Schule gebaut und damit hat es angefangen. Das war 1988. Dann bin ich nach Uganda, habe dort wiederrum beim Aufbau eines Berufszentrums geholfen und habe, wieder in einer Kneipe, Mitarbeiter der UNO kennengelernt. 1992 war ich im Südsudan, als wir angegriffen wurden. Ich musste mit 20.000 Sudanesen nach Kenia fliehen. So wurden sie Flüchtlinge und ich Flüchtlingshelfer.

Wo fühlst du dich zu Hause? Ist es ein Ort oder sind es mehrere und warum?

Ich bin ein internationaler Nomade, lebe zum Beispiel seit fast einem Jahr in einem Haus in Thessaloniki und finde diese Frage auch persönlich sehr spannend. Was ist Zuhause für mich? Das sind vielleicht ein paar Gegenständige, einige Dokumente, das sind tatsächlich kaum Dekorationsstücke, weil ich dafür einfach keine Zeit habe. Mein Zuhause ist ein globales Zuhause, eine Komposition aus verschiedenen Dingen und Orten: die Wohnung, in der ich seit Anfang des Jahres wohne, mein Berghaus in den Pyrenäen in Frankreich, meine Wohnung in Kenia und auch meine Möbel, die ich aus der ganzen Welt zusammengesammelt habe, die aber aktuell in einem Lager stehen. Das gehört alles zu meiner Identität.

Dadurch, dass ich fast alle zwei Jahre in einem anderen Land lebe, habe ich da vielleicht noch einen extremeren Ansatz als andere: Ich habe Freunde auf der ganzen Welt. Bezugspersonen sind für ein gutes Gefühl natürlich sehr wichtig. Zugehörigkeit fühle ich in rund 50 Ländern dieser Welt, weil ich dort Menschen kenne, mit denen ich mich sofort wohl fühle. Die Konnektivität über soziale Medien trägt dazu natürlich auch bei.

Vielen Dank für das spannende Gespräch und viel Erfolg weiterhin!