Kultur oder Quote – mehr Frauen in Führungsetagen

Lebhafte Diskussion auf dem Unternehmenspanel, u.a. mit Vertreterinnen aus der Politik, der AllBright Stiftung, IKEA und Microsoft.

„Wenn jetzt mal ein Mann das Wasser bringen würde, wären wir einen großen Schritt weiter“, raunt mir meine Kollegin zu. Das junge Mädchen stellt das Glas auf das Rednerpult, um schnell wieder unauffällig von der Bühne zu gehen. Berlin, Deutscher Arbeitgebertag 2019, eines der großen Spitzentreffen in Deutschland. Hier treffen sich Personalvorstände der großen Konzerne, Politikprominenz, Gewerkschaftler, Unternehmerinnen und Unternehmer, um über neueste Entwicklungen auf dem Markt und in der Politik zu diskutieren. Erfreulich: Immer mehr Frauen erobern die Vorstandsetagen zumindest im Personalressort, und Annalena Baerbock von den Grünen lässt sich im Männerduell auf der Bühne nicht die Butter vom Brot nehmen. Die männlichen Anzugsträger sind immer noch in der Überzahl, doch die Krawatte bleibt immer öfter zuhause.

Ikea Cb Dat 1 IKEA auf dem Deutschen Arbeitgebertag: Mirja Brake und Franka Keßler.

Es gibt beim Thema Gleichberechtigung im Beruf in Deutschland immer noch sehr viel zu tun. Skandinavische Länder, allen voran Schweden, sind weit voraus. Bei IKEA in Deutschland arbeiten aktuell 50 Prozent Frauen in Führungspositionen – ob als Teamleiterin im Einrichtungshaus, Store-Managerin oder im Management Team. Unter dem Titel „Mehr Frauen in Führungspositionen – per Kultur oder Gesetz“ lud der Deutsche Arbeitgebertag gemeinsam mit IKEA zu einer lebhaft geführten Panel-Diskussion ein.

Alarmierende Zahlen brachte Dr. Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der AllBright-Stiftung, mit: Ein Großteil befragter Konzernlenker meldete jüngst ein Null-Prozent-Ziel für Frauen in der Vorstandsetage. „Es sind zum größten Teil Männer, die die Strukturen des Unternehmens bestimmen, wie Vorstandsposten besetzt und Aufsichtsratsmandate vergeben werden. Deshalb sollte die Politik Akzente setzen.“ Politik und Verwaltung komme hier eine Vorbildfunktion zu. Dies funktioniert bereits hervorragend in Schweden: Hier sind alle politische Institutionen und Behörden mit einer 40-Prozent-Quote für Frauen in Führungspositionen vorangegangen. Die Wirtschaft in Schweden hat schnell nachgezogen.

Ikea Cb Dat 6 Franka Keßler diskutierte mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft.

Auch Juliane Seifert, Staatssekretärin im Familienministerium, macht sich für eine gesetzliche Regelung stark. „Die Quote wirkt am besten“, sagt sie und verweist auf die Quote für große Unternehmen bei der Besetzung der Aufsichtsräte, die teilweise jetzt sogar weit über den geforderten 30 Prozent liegt.

„Für uns ist Gleichberechtigung im Job natürlich und selbstverständlich“, sagt Franka Keßler, Diversity Managerin bei IKEA in Deutschland. „Wenn wir nach draußen schauen, stellen wir fest, dass es hier noch einen großen Nachholbedarf gibt. Wir möchten andere Unternehmen dazu anregen, einen Schritt weiterzugehen“, sagt sie. Der größte Hebel sei eine Kultur, in der Menschen gerne zur Arbeit kommen, weil sie dort eine Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung erfahren. „Deshalb rekrutieren wir nach Werten, nicht nach Lebensläufen“, so Franka Keßler.

Ikea Cb Dat 3 Mirja Brake (vorne rechts), stellvertretende IKEA Store-Managerin in Hamburg, als Gast auf der Paneldiskussion.

„Pragmatische, individuelle Lösungen“

Hinzu kommen eine Duz-Kultur und flache Hierarchien. Daneben helfen natürlich auch interne Zielsetzungen. Und schließlich zählen im Arbeitsalltag pragmatische, individuelle Lösungen, die es möglich machen, einen anspruchsvollen Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Führung in Teilzeit und Homeoffice helfen dabei. „Frauen brauchen ein Umfeld, das sie auch zu Hause unterstützt“, ergänzt Mirja Brake, stellvertretende Store-Managerin in Hamburg, „ein gutes Netzwerk und Sponsoren, die begleiten.“

Flexibilität für Männer und Frauen gleichermaßen ist ein großes Thema bei Microsoft, berichtet Kate Behncken, Vice President und Lead der Microsoft Philanthropies. Ein Unternehmer aus der IT-Branche berichtet von der Schwierigkeit, mehr Frauen aus männlich dominierten Studiengängen ins Unternehmen zu bringen. Die Empfehlung von Wiebke Ankersen: „Machen Sie den Anfang bei den Themen Finanzen und HR – akquirieren Sie einen weiblichen CFO und eine Personalchefin.“ Nur so könne ein Bruch mit dem männlich dominierten Umfeld entstehen. Die AllBright-Stiftung hat dafür den „Thomas-Kreislauf“ ins Spiel gebracht. Denn meist hapert es am „Kopfkino der Entscheider“ – die Generation „Thomas“ akquiriert vor allem ihresgleichen.

Es tut sich also einiges, auch in Berlin auf dem Deutschen Arbeitgebertag. Immer mehr Frauen sind bei den Top-Entscheidern dabei. Und doch bleibt noch viel zu tun in einem Land, in dem Rollenklischees noch tief verankert sind.