BILLYs Büchertipp – April

Ist es, oder ist es nicht? Nein, es kann eigentlich nicht sein... Aber es sieht schon so aus... Vielleicht... Man weiß ja nie, was sich die Kollegen in Schweden so alles einfallen lassen... Das waren ungefähr meine Gedanken, als ich „HORRORSTÖR“ von Grady Hendrix das erste Mal in meinen Händen hielt. Das Buch sieht einfach so sehr nach einem IKEA Produkt aus, dass es mir wirklich schwerfällt, sofort mit Sicherheit zu sagen: „Nein, das ist nicht von uns“. Doch auf den zweiten Blick fällt mir auf dem Cover ein Detail auf, das dafür sorgt, dass ich weiß, dass es sich nicht um ein IKEA Druckerzeugnis handelt. Dazu später mehr. Doch zum Buch selbst:

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Ganz im Stil von IKEA

2015 bei KNAUR erschienen, kommt es tatsächlich fast wie ein IKEA Katalog oder doch zumindest wie ein Buch, das unverkennbar von IKEA sein muss, daher: ein Interieur auf dem Cover, innendrin neben dem Text einzelne Seiten mit Produktgrafiken und Beschreibungen, die schon erschreckend nach IKEA klingen und den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind. Kapitel 1 öffnet mit BROOKA: „Ein Sofa, das alles bietet, was man sich von einem Sofa erträumt. Mit Kissen aus Memory-Schaumstoff und einer hohen Lehne, die deinem Nacken die verdiente Stütze bereitstellt, ist BROOKA für dich der entspannte Beginn des Feierabends.“ Dazu kommen eine Farbauswahl, Maße und eine Artikelnummer.

Soweit, so IKEA. Doch während die Produktseiten am Anfang des Buchs noch ganz normal erscheinen, ändert sich das nach der Hälfte und Kapitel 11 beginnt mit der weniger angenehmen Beschreibung des Sessels BODAVEST: „Mit mehreren Vorzügen gegenüber traditionellen Fixierungsmethoden hält BODAVEST den Büßer fest und wirkt dem überreizten Einströmen des Blutes ins Gehirn entgegen, indem es den Insassen zu völliger Bewegungslosigkeit zwingt. Durch die Befreiung von äußeren Stressreizen wird die Selbstreflexion gefördert“. Na dann...

Kapitel 16 steht dann INGALUTT als Produkt voran: „Gib dich der Angst, Panik und Hilflosigkeit des Ertrinkens hin, so dass die Hoffnung auf den Tod für dich nur noch ein ferner Traum ist. Das elegant gestaltete INGALUTT-Hydrotherapie-Bad gestattet es dem Benutzer, diese Stresserfahrung immer wieder zu durchleiden, bis er endgültig geheilt ist.“ Ich würde von einem Kauf absehen wollen, danke.

Neben den Produkten gibt’s dann auch noch einen Bestellschein, Anleitungen zum Einkauf und alles, was man bei einem Möbelladen so erwartet. Und um den Laden, also um das Gebäude, geht es dann auch, gar nicht um die Produkte.

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Ein bisschen Handlung gibt’s auch

Der Inhalt ist eigentlich ganz schnell zusammengefasst: In der Cuyahoga County Filiale des skandinavischen Möbelhauses ORSK finden die Mitarbeiter morgens einige Anzeichen dafür, dass nachts Vandalen ihr Unwesen getrieben haben. Um dem Verursacher auf die Spur zu kommen, legen sich fünf Mitarbeiter, unter ihnen Basil und Amy, nachts auf die Lauer. Während es um sie herum immer merkwürdiger und auch brutaler wird, gerät die Nachtwache zu einem ganz eigenen Horrortrip und das Möbelhaus zeigt eine bisher nicht gekannte Seite. Am Ende dieses zusehends brutaler und blutiger werdenden Ausflugs in den „Bienenstock“ (so die mystischere Bezeichnung des Gebäudes und seiner versteckten Gänge, Keller und Abgründe) stehen psychische und physische Verletzungen, Todesfälle und die Zerstörung des Gebäudes selbst, aus dem sich nur Amy und Basil retten können. Das ist alles ein sehr bekanntes Horrorgeschichten-Konstrukt. Doch wodurch wurden die Zwischenfälle ausgelöst und wie kommt „das Böse“ eigentlich dazu, sich ein Zuhause in einem Laden für Selbstbaumöbel einzurichten? Na, weil das Gebäude natürlich über einer alten „Heilanstalt“ aus dem 19. Jahrhundert gebaut wurde, in der Menschen gequält worden sind. Klar. Was frage ich auch so dumm, ist ja schließlich das Einmaleins des Horrorromans.

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Was das Buch kann und was es nicht kann

Aber was ist HORROSTÖR denn jetzt eigentlich? Auf dem Cover steht „Thriller“, auf dem Vorsatzpapier spricht der Autor von „Horrorgeschichte“ und „Parodie“. Und genau da liegt auch das Problem des Romans – er möchte ein bisschen was von allem sein: Eine Parodie auf ein Möbelhaus, das die meisten Menschen kennen, ein Thriller, in dem ein Bösewicht verfolgt wird, eine Horrorgeschichte mit Blut und Gewalt und ein bisschen Sozialkritik auf den Massenkonsum sowie die Uniformität moderner Einrichtung soll auch nicht zu kurz kommen. Der Anspruch ist hoch und der Text muss zwangsläufig dahinter zurückbleiben. Man kann das Buch gut lesen, man muss es aber nicht. Eigentlich habe ich nach dem Umblättern der letzten Seite das Meiste schon wieder vergessen, denn die Geschichte ist zu trivial, um sich festzusetzen. Jetzt steht es im Regal und sieht einfach nett aus. Man soll ein Buch ja nicht nach seinem Cover beurteilen, aber bei HORRORSTÖR ist das, ehrlich gesagt, das Beste vom Ganzen.

Fazit: Die 268 Seiten lassen sich an einem verregneten Wochenende weglesen. Aufmachung und Gestaltung sind super und machen IKEA Fans richtig viel Spaß, als Parodie auf das schwedische Möbelhaus taugt das erste Drittel des Romans bestens. Freunde von Horrorgeschichten kommen zumindest im letzten Drittel auf ihre Kosten, doch wer einen Thriller lesen möchte ist bei einem Roman, von, sagen wir Nele Neuhaus, besser aufgehoben.

Achso: Woran ich gemerkt habe, dass das Buch nicht wirklich von IKEA angefertigt wurde? Die Namen der Möbel auf dem Cover sind in normaler Schrift und fettgedruckt – das kann nicht sein, denn IKEA Produktnamen werden immer in Kapitälchen und nicht gefettet gesetzt. 20 Jahre IKEA haben auch bei mir ihre Spuren hinterlassen...

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Bibliographische Angaben HORRORSTÖR

von Grady Hendrix

Verlag: Knaur

ISBN 978-3-426-51722-2

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel „Horrorstör“ bei Quirk Books, die deutsche Erstausgabe im August 2015.


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