Die Neu-Interpretation der WG

Die Wohngemeinschaft – kurz WG – galt hierzulande jahrelang als Wohnform besonders für junge Menschen, vorwiegend Studierende, in den großen Uni-Städten. Sobald man den Studierenden-Status hinter sich gelassen und ins Berufsleben eingestiegen war, stand die erste eigene Wohnung auf der Agenda. Das gemeinschaftliche Wohnen fand und findet ab Mitte 20 fast nur noch zusammen mit Partner und Familienmitgliedern statt. Doch in den letzten Jahren ist die WG als Konzept für ältere Menschen stärker ins Bewusstsein gerückt. Wenn auch mehr als theoretische Möglichkeit, denn als reale Alternative – die Zahl der Angebote ist noch immer äußert begrenzt.

Dabei könnte gemeinsam genutzter Wohnraum eine Lösung für die Herausforderungen der neuen Realität in der Stadt sein: Wohnungsmangel und steigende Wohnungspreise, alternde Bevölkerung, Klimawandel und Ressourcenknappheit verlangen nach neuen Lösungen für das Wohnen der Zukunft. Schaut man sich allerdings aktuelle Neubauprojekte an, ist kaum eine Veränderung gegenüber der Art und Weise, wie Grundrisse vor 20, 30 oder 50 Jahren gestaltet waren, festzustellen: die klassischen 2-, 3-ZKB scheinen unverwüstlich, auch wenn die neue Lebensrealität immer weniger „Standardfamilien“ mit Vater/Mutter/Kind hervorbringt.

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Zwei Projekte, die gemeinschaftliches Wohnen weiterentwickeln wollen

Aber welchen Bedarf haben Patchwork-Familien, Single-Haushalte, Alleinerziehende oder auf Unterstützung angewiesene ältere Menschen und wie lässt er sich in immer enger werdenden Städten erfüllen? Wie können so viele Menschen komfortabel, gleichberechtigt und nachhaltig zusammenleben? Wie können wir Wohnräume für mehrere Menschen gleichzeitig attraktiv gestalten und sie flexibel genug für verschiedene Bedürfnisse machen? Um das herauszufinden, hat IKEA zwei Projekte gestartet: Das Better-Living-Projekt in Zusammenarbeit mit Ikano Bostad und das Urban-Village-Projekt von SPACE10 konzentrieren sich auf die Vorteile des Lebens in einer eng verflochtenen, generationenübergreifenden Gemeinschaft. Sie wollen ergründen, wie man z. B. das Zugehörigkeitsgefühl steigern und Zugang zu gemeinsam genutzten Einrichtungen und Services schaffen kann.

„Typische Aktivitäten, die wir mit Wohnen assoziieren, finden heute fließender zwischen privaten und öffentlichen Räumen statt, und wenn wir die Menschen fragen, was für sie zu ihrem Zuhause gehört, schließen viele das nachbarschaftliche Wohnumfeld mit ein. Tatsache ist auch, dass wir uns, obwohl wir vernetzter sind als je zuvor, einsamer fühlen denn je. Das alles ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance. Gemeinsam mit Ikano Bostad und SPACE10 wollten wir neue Möglichkeiten für die gemeinschaftliche Nutzung von Räumen entwickeln und herausfinden, welche Rolle Gemeinschaften und das nachbarschaftliche Umfeld im Alltag der vielen Menschen spielen können“, sagt Evamaria Rönnegård, Development Leader bei IKEA.

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Flexibilität durch Schiebetüren und bewegliche Wände

Mit dem Better-Living-Projekt erkunden IKEA und Ikano Bostad – unterstützt durch COBE Architects – das nachhaltige und erschwingliche Wohnen mit Produkten und Einrichtungslösungen für das Leben in kleinen und gemeinschaftlich genutzten Räumen. Mikael Ydholm, Communication und Innovation Strategist bei IKEA, erklärt, dass das Team sich vom traditionellen Raumkonzept gelöst und stattdessen überlegt hat, welchen Aktivitäten man zu Hause so nachgeht. Wie das aussehen könnte, erahnt man in dem Apartment im schwedischen Älmhult, in dem das Better-Living-Projekt arbeitet: Es ist keine herkömmliche Wohnung, sondern ein Prototyp für das bessere Leben in der Zukunft – mit großen Schiebetüren und beweglichen Wänden.

„Heutzutage essen wir in so ziemlich jedem Raum. Manchmal essen wir allein und zu manchen Gelegenheiten sind 20 Personen zu Gast. In diesem Apartment kann man die Form und die Wirkung des Raums mit großen Schiebetüren und beweglichen Wandelementen vollkommen verändern“, sagt Mikael.

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Gemeinsame Nutzung spart Grundfläche und schafft Platz

„Wir erforschen auch Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Nutzung in Apartments, z.B. für die private und gemeinschaftliche Aufbewahrung von Dingen, die man nicht täglich braucht. Hier könnten Nachbarn zum Beispiel gemeinsam Werkzeuge oder Reservestühle verstauen. Wir entwickeln auch Aufbewahrungslösungen, die von innerhalb und außerhalb des Apartments zugänglich sind. Wenn man zum Beispiel eine Lieferung erwartet, könnte man dem Paketboten über einen Code Zugang zu einem bestimmten Raum geben. Das Apartment verfügt über zwei getrennte Eingänge, was die gemeinsame Nutzung einzelner Räume erleichtert“, erklärt Mikael einige der getesteten Ideen.

Was wird in der Zukunft seiner Meinung nach häufiger gemeinsam genutzt als heute? „Ich denke, wir sind bereit, noch mehr Dinge zu teilen. Einfach vor dem Hintergrund, dass wir Mutter Erde zuliebe weniger Ressourcen nutzen müssen. Wir haben vor einigen Jahren eine Studie durchgeführt, in der wir die Menschen fragten, was in ihrem Zuhause sie lieber mit anderen teilen würden. Genannt wurden Dinge wie Elektrowerkzeuge, Reservestühle für Feiern und Outdoor-Spielzeug für Kinder.“

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Auch Erschwinglichkeit ist ein Thema beim Urban-Village-Projekt

Das Immobilienunternehmen Ikano Bostad, das in Schweden und Dänemark tätig ist und auf den gleichen Gründer zurückgeht wie IKEA, bringt umfangreiches Wissen über Wohnungs- und nachbarschaftliche Entwicklung in das Better-Living-Projekt ein. „Wir sehen die Nachbarschaft als Teil des Zuhauses und bringen aus unserem Unternehmen viel Erfahrung in diesem Bereich mit. Dieses Projekt ist eine tolle Möglichkeit, den Blick auf das Zuhause zu erweitern und das breitere Wohnumfeld einzubeziehen“, sagt Lotta Sjödin, Strategic Development Leader bei Ikano Bostad.

Das Urban-Village-Projekt von SPACE10 möchte eine Diskussion über unsere zukünftige Art der Gestaltung, Finanzierung und gemeinsame Nutzung von Wohnraum, Siedlungen und Städten in Gang bringen. Die Mission besteht darin, drängende Probleme der neuen städtischen Realität anzugehen und ein lebenswertes, erschwingliches und nachhaltiges Zuhause für die Menschen zu schaffen. Das Projekt konzentriert sich auf generationenübergreifende Wohngemeinschaften und die Herabsetzung des Einstiegspreises in den Wohnungsmarkt. Zu diesem Zweck entwickelt es ganz neue Ansätze zur Gestaltung und Finanzierung von Wohnraum und zur Entwicklung eines flexiblen Gebäudesystems, das die Kreislaufwirtschaft fördert.

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SPACE10 hat das Urban-Village-Projekt im Juni bei den Democratic Design Days in Älmhult öffentlich präsentiert. „Eins ist klar: Wenn wir unsere Wohninfrastrukturen nicht überdenken, werden die Städte immer unnachhaltiger, unerschwinglicher und sozial ungerechter. Gemeinsam genutzte Einrichtungen sind mögliche Lösungen für diese drängenden Probleme. Das Urban-Village-Projekt will aufzeigen, wie man neue Realitäten schaffen kann, die für Wohlbefinden sorgen und Wohnraum in einen gesünderen und schöneren Ort verwandeln, der für die Bewohner zugleich erschwinglicher und effizienter wird“, sagt Jamiee Williams, Architectural Lead von SPACE10.

Weitere Infos zum Konzept hinter dem Urban-Village-Projekt findet ihr unter www.urbanvillageproject.com.