30 Tage plastikfrei – ein Selbstversuch

Dank einer großen Auswahl an Mehrwegdosen ist es ganz einfach Mittagessen und Snacks mit ins Büro zu nehmen.

Eine prallgefüllte Plastiktüte für die gelbe Tonne – und das fast jeden einzelnen Tag in der Woche: Das ging üblicherweise aus unserem 2-Personen-2-Katzen-Haushalt hervor. Klar, der tägliche Gang zur Mülltonne war lästig. Ganz abgesehen davon, was wir unserem Planeten damit antun. Deshalb stellten wir uns die Frage: „Kommen wir nicht mit weniger Plastik aus?“ Dieser Beitrag erzählt über eine Umstellung zwischen Glücksgefühl und Scheitern.

Ein Leben ohne Plastik ist inzwischen für einige zu einer echten Bewegung geworden. Umfangreiche Literatur zu dem Thema motiviert und gibt Anregungen für einen Alltag ohne Kunststoffverpackungen. Und wer sich darauf einlässt, begibt sich auf eine Reise voller Erfolge, Erkenntnisse, Glücksgefühle ­– und manchmal auch Frust.

Ikea Plastikfrei 03 Sie sehen hübsch aus und zeigen auf einen Blick, was man noch alles zu Hause hat: Mehrweggläser.

Nachhaltigkeitsgedanke als Kern der Mission

Mein Experiment wollte ich sachte angehen. Radikales Wegschmeißen von allem in Plastikpackung kam für mich nicht infrage – schließlich war ein Nachhaltigkeitsgedanke der Kern meiner Mission. Die wichtigste Spielregel lautete: Es wird nichts gekauft, was in Plastik verpackt ist. Was zunächst einfach klingt, macht das Einkaufen zum tagesfüllenden Projekt. Und da ich viel zu Hause koche, musste ich an manchen Samstagen bis zu fünf Geschäfte aufsuchen, um die Zutaten für meine Gerichte zusammenzubekommen. Wer hätte gedacht, dass beispielsweise loser Knoblauch solch eine Rarität ist.

Wocheneinkäufe mussten ab sofort also gut geplant sein. Meine neue Spontanität erforderte Vorbereitung – denn wollte ich auf dem Heimweg nach Feierabend noch Zutaten fürs Abendessen besorgen, musste ich gerüstet sein: Recht bald zogen Mehrwegglas, Jutebeutel und ein Gemüsenetz in meine Handtasche ein. Denn kochen musste ich nun jeden Abend. Und zwar so viel, dass es für die Mittagspause am Folgetag reicht. Mal eben eine Packung Sushi oder eine leckere Salatbowl to go war nicht mehr drin, all das kommt nämlich in Einwegplastik daher.

Ikea Plastikfrei 02 Viele Restaurants füllen das Mittagessen auch in mitgebrachte Mehrwegdosen.

Die Restaurantbesitzer sind auf meiner Seite

Und irgendwann kam dann doch der Tag, an dem ich nichts vorgekocht hatte. Mit einer Mehrwegdose ausgerüstet, machte ich mich in der Mittagspause auf den Weg zum Inder unseres Vertrauens. Als ich dran war, hielt ich nervös kichernd mein Gefäß hoch, der Imbissbesitzer nickte mir freundlich zu und füllte mein Mittagessen ab. Einige Tage später funktionierte das genauso gut mit der Salatbowl. Die Restaurantbesitzer waren also schon mal auf meiner Seite.

Meine Erfolgserlebnisse wurden jedoch irgendwann von der Erkenntnis getrübt, dass einige Vorräte zu Ende gingen. Und während es für wirklich viele Dinge unverpackte oder plastikfreie Alternativen gibt, ist da ein Gebiet ganz schwach vertreten: spezielle vegane Produkte. Seit einer Weile ernähre ich mich überwiegend pflanzlich. Tofu, Mandel-, Kokos- oder Sojajoghurt und Hafermilch gehören zu meinen Grundnahrungsmitteln und sie alle sind von Kunststoff umhüllt. Meine Recherche ergab, dass es zu teuer sei, Joghurt auf pflanzlicher Basis etwa in Mehrweggläser abzupacken, da die Transportkosten aufgrund des größeren Gewichts höher ausfielen. Und da es noch nicht besonders viele Abfüllstellen für solche Produkte gibt, sind in den meisten Fällen längere Transportwege notwendig.

Ikea Cb Plastikfrei Pasta Pasta geht immer – doch der Einkauf ohne Plastikverpackung ist gar nicht so einfach.

Zahnseide aus dem Glasröhrchen

Trotz Einbußen machten sich erste Erfolge bemerkbar: Der Mülleimer füllte sich kaum noch und jeder Einkauf wurde mit diesem guten Gefühl belohnt, wenn ich das lose Gemüse in meinem Jutebeutel betrachtete. Dafür schlug das schlechte Gewissen umso heftiger ein, wenn doch mal Plastik im Einkaufskorb landete. Das meterlange Nudelregal im Supermarkt hält zum Beispiel nicht eine einzige Pasta-Sorte bereit, die ohne Plastikfenster in der Pappschachtel auskommt. Ähnlich ernüchternd verhält es sich mit Reis und diversen Hülsenfrüchten.

Im Hygiene-Bereich lief das Experiment gut. Shampoo und Duschgel machten Seife und festem Shampoo Platz. Das feste, unverpackte Deo war auch durchaus brauchbar. Zahnseide gibt es im nachfüllbaren Glasröhrchen. Statt Zahnpasta gab es, zugegeben etwas gewöhnungsbedürftige, Zahnputztabs im Papiertütchen. Mein Waschmittel habe ich durch Pulver ausgetauscht. Und als alles wirklich gut lief – war das Klopapier leer. Spätestens seit diesem Frühjahr wissen wir ja, wie wichtig es uns hier in Deutschland ist. Sage und schreibe eine einzige Sorte gibt es auf dem Markt, die in einer Papierverpackung daherkommt – und als ich es gebraucht habe, war es überall restlos ausverkauft.

Ikea Plastikfrei 04 Wem Wasser zu langweilig ist, der zaubert zuhause in einer Glaskaraffe mit Früchten und Minze ein leckere Erfrischung.

Für manche Bereiche gibt es keine plastikfreie Alternative

Der nächste Rückschlag kam, als die Wattepads leer gingen. Klar, es gibt inzwischen waschbare Mehrwegoptionen. Zum Nagellack entfernen sind die jedoch eher nichts. Indiskutabel war auch meine Kosmetik. Für Lippenstift, Mascara und Co. konnte ich keinen würdigen Ersatz finden. Abstriche musste ich auch bei Pflegeprodukten machen, die zwar in Glastiegel gefüllt waren, aber dennoch einen Plastikdeckel hatten – genauso wie auch viele Getränke oder Saucen in Glasflaschen.

Natürlich gibt es immer mehr Unverpacktläden in den deutschen Städten, in Frankfurt sind es mittlerweile zwei. Der Einkauf dort war zumindest für mich mit einer extra Anreise verbunden, weil sie nicht unmittelbar in meiner Nähe liegen. Dass sie etwas teurer sind als Supermarkt und Discounter, ist ebenfalls kein Geheimnis. Überhaupt fand ich es recht paradox und frustrierend, dass ein Leben ohne Plastikverpackung vergleichsweise eine kostspielige Angelegenheit ist. Bis heute kann ich nicht verstehen, wie fünf abgepackte Zitronen genauso viel kosten können wie eine lose – und das trotz einem zusätzlichen Verarbeitungsschritt und Kosten für das Verpackungsmaterial.

Ikea Plastikfrei 01 Inzwischen kann man Obst und Gemüse auch oft lose kaufen – und einfach in einem Jutebeutel nach Hause transportieren.

Zurück zu Verpacktem – aber anders

Abschließend kann ich sagen, dass ich in diesem Monat unglaublich viel gelernt habe. Ich habe viele neue Dinge ausprobiert, zum Beispiel Hafermilch selbst hergestellt oder Trockenshampoo aus Stärke zusammengerührt. Und ich habe Selbstverständliches wie Wattepads sehr zu schätzen gelernt. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Menschen, die sich pflanzlich ernähren, es in einem plastikfreien Leben besonders schwer haben. Eine andere, dass man für viele Produkte doch ebenbürtigen Ersatz findet – die Kartoffeln vom Bauern in der Papptüte sind ein Traum!

Leider ist der plastikfreie Lifestyle heute noch immer sehr entbehrungsreich. Auch wenn viele Supermärkte allmählich Unverpackt-Stationen installieren. Ist es nicht unglaublich, wie selbstverständlich Plastikverpackungen in unserer Gesellschaft geworden sind? Schließlich kamen wir vor vielen Jahren auch sehr lange ohne aus. Dort wollen wir wieder hin. Nach dem Versuch habe ich meinen Konsum wieder gelockert. Durch Supermärkte gehe ich heute trotzdem mit einem neuen Blick. Und vieles, das sich als praktikabel erwiesen hat, bleibt für immer in meinem Alltag.

Selbstversuche dieser Art mache ich inzwischen jedes Jahr. Dafür überlege ich mir ein Thema und versuche es dann einen Monat lang umzusetzen. Dabei erfahre ich immer viel Neues und entwickle neue Denkweisen. So verzichtete ich im vergangenen Jahr einen Monat lang auf tierische Produkte, wobei ich am Ende feststellen konnte, dass es gar nicht so schwer ist. Viele Erkenntnisse aus diesen Versuchen nehme ich anschließend mit in meinen Alltag. Es ist eine Art von Fasten, die man gut zum Beginn eines Jahres oder eben klassisch zur Fastenzeit vor Ostern machen kann. Und es gibt so viele tolle Bereiche, aus denen man ein ähnliches Experiment machen könnte: Wie wäre es mit einem Monat ganz ohne Zucker? Ohne Alkohol? Ohne Fernsehen, soziale Netzwerke oder vielleicht sogar ohne Autofahren? Die Möglichkeiten sind grenzenlos – und bestimmt ist für jeden ein spannendes Thema dabei.

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