„Guter Schlaf ist wie Gold“

Gemeinsame Abendroutinen, wie zum Beispiel eine Gute-Nacht-Geschichte, helfen dabei, besser zu schlafen.

Er begleitet uns seit Beginn unserer Reise und ist Experte, wenn es um den Schlaf geht: Schlafforscher Dr. Guy Meadows. Er betreibt in London die Sleep School, wo er unter anderem junge Eltern dabei unterstützt, wie sie und ihr Baby besser schlafen. Auch deshalb durfte er bei unserem dritten Expertenforum mit dem Fokus auf Kinderschlaf und Familienschlaf nicht fehlen. Im Gespräch erzählte er uns, wie jeder für sich und seine Familie den bestmöglichen Schlaf findet, welche Tipps besonders leicht umsetzbar sind und wie Kinder mit dem Thema Schlaf umgehen.

Guy Profile Copy Dr. Guy Meadows ist Schlafexperte und unterstützt Familien dabei, besseren Schlaf zu finden.

Guy, du bist selbst Vater. Welche Erfahrungen hast du persönlich zum Schlaf von Kindern gesammelt? Gab es etwas, das selbst dich als Schlafexperten überrascht hat?

Ich habe gelernt, dass es auch Experten nicht einfach haben (lacht). Wie hart der Schlafentzug bei frisch gebackenen Eltern wirklich ist, habe ich erst verstanden, nachdem ich es am eigenen Leib erfahren habe. Und ich bin selbst in eine Falle getappt: Eltern stellen den Schlaf ihrer Kinder oft über alles andere. Manche finden Einschlafstrategien, die später zum Problem werden. So war es bei mir: Als meine Tochter vier Wochen alt war, habe ich festgestellt, dass sie schnell einschläft, wenn ich sie auf den Armen wiege. Erst hat es nur Minuten gedauert, doch je öfter ich es gemacht habe, desto länger schlief sie nicht ein. Nach einem Monat dauerte es schon fast eine Stunde. Das Tückische daran war, dass sie nur noch so einschlafen konnten. Sie hat eine sogenannte „nicht nützliche Schlaf-Assoziation“ entwickelt. Da musste ich selbst Hilfe von einem Experten-Kollegen einholen. Manchmal sind die Antworten offensichtlich, doch man selbst erkennt sie nicht, weil man so verzweifelt ist.

Welche Erfahrungen hast du im Vergleich dazu in deiner Karriere als Arzt gemacht?

Jede Familie ist anders. Deshalb muss man jede Situation individuell betrachten. Was jedoch für alle funktioniert, ist eine durchdachte Schlafroutine. Es ist nachgewiesen, dass eine konsequente Schlafroutine das ganze spätere Leben eines Menschen prägt. Sie beeinflusst unsere Ernährung, legt den Grundstein für eine gute Hygiene. Schließlich fließen viele Hygiene-Elemente in die Schlafroutine ein: Ob baden, Zähne putzen, saubere Kleidung – all diese Dinge spielen das ganze Leben hindurch eine wichtige Rolle, und werden mit der Routine von Anfang an gepflegt. Die Nähe und Bindung zu den Eltern werden so ebenfalls gefestigt, schließlich bekommen wir durch die Abläufe mit, wie es ist, wenn sich jemand um einen liebevoll kümmert. Hinzu kommt auch das Vorlesen: Kindern, denen viel vorgelesen wird, haben oft eine bessere Lesekompetenz, sie fangen früher an zu sprechen, haben eine bessere Aussprache und drücken sich besser aus. Und natürlich bildet eine, um diese Elemente herum gestaltete, Routine eine Grundlage für besseren Schlaf in der Nacht.

Guy Meadows Beitrag Bild3 Auch ein Bad hilft Kindern dabei, sich zu entspannen und die Schlafenszeit einzuläuten.

In deiner Sleep School bietest du frisch gebackenen Eltern Unterstützung an, wenn es um den Babyschlaf geht. Mit welchen Problemen wenden sich Familien an dich? Und wie kannst du helfen?

Den meisten fehlen eben diese Routinen, über die wir eben gesprochen haben. Doch eines vorneweg: Bei einer Schlafroutine geht es nicht darum, dass das Kind am Ende eingeschlafen ist. Es soll schläfrig werden, der Ablauf bereitet das Kind ja erst auf das Einschlafen vor. 30 bis 40 Minuten ist eine gute Dauer für ein solches Ritual. Ich empfehle, mit der letzten Mahlzeit des Tages zu beginnen. Viele machen den Fehler, dass sie das Kind nach dem Essen sofort schlafen legen. Dadurch wird es das Essen immer mit dem Schlaf verknüpfen. So kann es sein, dass das Baby nur noch einschlafen kann, wenn es gegessen hat, auch wenn es zwischendurch kurz aufwacht. Deshalb kommt das Essen an den Anfang.

Danach folgt ein warmes Bad, anschließend je nach Alter das Zähneputzen. Mit einem sauberen Pyjama geht es ins – wenn nötig abgedunkelte – Schlafzimmer. Dort gibt es ein Buch, vielleicht ein Schlaflied und dann geht das Licht aus. Wichtig ist, dass diese Routine alle einhalten, die das Baby oder das Kind ins Bett bringen, ob Eltern oder vielleicht Oma und Opa. Nur dann wissen Kinder, was gleich passiert. Das gibt Sicherheit und beruhigt. Und Sicherheit ist Voraussetzung für guten Schlaf. Solche Routinen sind ab einem Alter von drei Monaten sinnvoll, denn ab etwa diesem Alter wird die innere Uhr aktiv. Helligkeit und Dunkelheit werden bewusst wahrgenommen.

Daneben bietest du auch an Schulen Bildungsprogramme rund um das Thema Schlaf an. Wie erklärst du Kindern die Wichtigkeit von Schlaf – wie gelingt es dir, ihr Interesse zu wecken?

Wir fragen Kinder, wie es sich für sie anfühlt, gut oder schlecht zu schlafen. Ein Kind berichtete Mal, nach schlechtem Schlaf besonders gemein zu seiner Mama zu sein. Ein anderes gestand, viel mehr Lust auf ungesundes Essen zu haben, und ein drittes sagte, es könne sich in der Schule nicht gut konzentrieren. Guter Schlaf hingegen fühle sich an wie echtes Gold. Das war besonders süß. Ein weiteres sagte, es fühle sich, als könne es alles schaffen. Damit beantworten sie sich ihre Fragen selbst. Bei älteren Kindern und Teenagern finden wir den Zugang oft über die Lieblingssportart. So hat eine Studie im Basketball gezeigt, dass Spieler, die im Schnitt zwei Stunden mehr schlafen, eine um neun Prozent bessere Trefferquote haben und auch ihre Sprünge sind etwas schneller. Es gibt auch Football-Clubs, die spezielle Räume für Power-Naps haben, sie haben auch Schlafcouches, weil guter Schlaf sich in ihrer Leistung widerspiegelt. Solche Fakten lassen sich bei vielen Sportarten erkennen. Über diese Brücke finden auch die Eltern zu Hause eher einen Zugang zu ihren Kindern, wenn es um Schlaf geht.

Guy Meadows Beitrag Bild1 Schlaf sollte eine Priorität für Eltern sein – und gemeinsam mit dem Kind angegangen werden.

Welche Fragen haben Kinder zum Thema Schlaf? Wie stehen sie dem Thema gegenüber?

Kinder wollen immer wissen, was ihre Träume bedeuten. Sie wollen, dass ich ihre Träume analysiere, doch das ist nicht mein Gebiet. Was ich weiß, ist, dass 90 Prozent unserer Träume in der REM-Phase stattfinden, und diese Phase ist wichtig für emotionale und Gedächtnisprozesse. Wir verarbeiten so den Tag, suchen vielleicht nach Lösungen für ein Problem.

Häufig machen Eltern die Erfahrung, dass Kinder nicht zeitig zu Bett gehen wollen. In ihren Augen gilt es als „cool“, lange wach zu bleiben. Welchen Rat kannst du Eltern in diesem Fall geben?

Was immer hilft, ist ein gesunder Dialog. Es ist so: Teenager haben natürlicherweise einen und ein bis zwei Stunden verzögerten Schlafrhythmus. Das liegt an der Bildung des Schlafhormons Melatonin, die in diesem Alter etwas versetzt stattfindet. Deshalb gehen sie später ins Bett und stehen später auf. Smartphone, Tablet & Co. verschlimmern die Situation. Da sollten Eltern eine Vorbildrolle einnehmen. Wenn sie selbst mit dem Tablet im Bett liegen, nehmen Teenager die Verbote erst recht nicht ernst.

Eine Abendroutine ist auch für Heranwachsende wichtig. Es hilft, Zeiten zu definieren, in denen Bildschirme nicht mehr benutzt werden. Auch am Morgen helfen feste Rituale, besser in die Gänge zu kommen. Und es ist sinnvoll, die Schlafenszeiten an allen Wochentagen durchzuziehen. Wenn Teenies an Wochenenden länger schlafen, ist der Montagmorgen die reine Hölle. Außerdem ist es wichtig, dass Eltern untereinander sich über die Regeln absprechen. Sonst argumentieren die Kinder damit, dass der Freund länger aufbleiben darf und finden die eignen Regeln unfair.

Guy Meadows Beitrag Bild5 Der Schlaf ist im jungen Alter besonders wichtig.

Wir haben gelernt, dass Kinder im Mutterleib fast die ganze Zeit schlafen. Auch in den ersten zwei Lebensjahren schlafen Kinder insgesamt ganze 14 Monate. Schlaf scheint eine sehr wichtige Angelegenheit zu sein. Doch warum genau ist das so?

Man kann es sich bildlich etwa so vorstellen, dass das Gehirn im Schlaf eine ganze Stadt aus neuronalen Verknüpfungen aufbaut. Dabei werden die Grundlagen für mentale, emotionale und physische Leistungen gebildet. Auf mentaler Ebene fördert Schlaf die Konzentrationsfähigkeit. Das wiederum hilft zum Beispiel beim Lernen, Lesen und dabei, Informationen zu verarbeiten.

Wenn es um die emotionale Ebene geht, so wirkt sich der Schlaf etwa auf die Laune aus. Ausgeschlafene Kinder können besser sozial interagieren. Auf der physischen Ebene sorgt der Schlaf für besseres Wachstum, stärkere Knochen, ein besseres Immunsystem, und er hilft, das Gewicht zu regulieren.

Vom Neugeborenen- bis zum Teenageralter verändert sich das Schlafverhalten sehr – wie sollen Eltern am besten mit diesen Veränderungen Schritt halten und wie können sie ihre Kinder unterstützen?

Wir lieben Kontrolle – das ist ganz menschlich. Deshalb erschaffen wir Strategien, um den Schlaf unserer Kinder zu kontrollieren. Dabei legen wir uns ein bestimmtes Schema fest und wollen, dass es immer reibungslos funktioniert. Aber das funktioniert leider nicht. Plötzlich bekommen Kinder einen Wachstumsschub, die Zähne wachsen, sie haben eine Erkältung oder sie kommen in den Kindergarten – und das System kommt ins Wanken. Das Leben verändert sich ständig und somit auch der Schlaf. Mein Tipp an die Eltern ist, sich zu entspannen und auf den natürlichen Lauf der Dinge beim Familienschlaf einzulassen. Die Grundlagen, wie etwa eine gute Schlafroutine, müssen dennoch sitzen, denn sie sind das Fundament für den Erfolg. Diese Grundlagen helfen Eltern, sich auch durch Veränderungen zu navigieren.

Guy Meadows Beitrag Bild2 Mädchen können oft schlechter schlafen als Jungs – trotzdem gibt es für jeden die passende Lösung.

Wenn du auf deine Erfahrung zurückblickst – was würdest du sagen, in welchem Alter haben Kinder die meisten Schwierigkeiten, wenn es um das Thema Schlaf geht? Gibt es einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen?

Jedes Alter birgt eigene Herausforderungen. Wenn du einem Dreijährigen sagst, er soll schlafen gehen, kann es schon sein, dass er sagt, er wisse nicht wie es geht. Die Ausdrucksweise: „Geh dich ausruhen“ ist schon etwas greifbarer. Allgemein gelten die Jahre zwischen Vor-/Grundschulalter und etwa dem Anfang der Pubertät als schwierig. Teenager denken schon mehr wie Erwachsene. Ängste und Gedanken können aufkommen, die beim Einschlafen stören. Mädchen betrifft es häufiger und meistens auch etwas früher, etwa ab dem Alter von elf Jahren. Das liegt daran, dass sie in der Entwicklung in der Regel etwas schneller sind als Jungs.

Welche Tipps hast du für Familien, die mit Schlafproblemen kämpfen?

1. Geregelte Schlafzeiten – zur gleichen Zeit ins Bett und immer zur gleichen Zeit morgens raus.

2. Eine wirklich gute Schlafroutine.

3. Eine entspannte Einstellung gegenüber Schlaf.

4. Schlaf zur Priorität machen – und nicht nur den Schlaf der Kinder, sondern auch den eigenen.

5. Ein kluger Umgang mit Licht und digitalen Geräten. Im Schnitt bekommen Kinder heute mit etwa zehn Jahren ihr erstes Smartphone – das ist nicht gesund. Noch schlimmer ist es, wenn das Telefon mit ins Bett kommt. Kinder wachen nachts auf, beantworten Nachrichten, das macht wach. Also, den Raum vor dem Schlafengehen abdunkeln und diverse Bildschirme wegpacken. So steht gutem Schlaf nichts im Wege.

Guy Meadows Beitrag Bild6 Werden die Kinder älter, ändert sich ihr Schlafverhalten.


Seit zwei Jahren begleitest du nun IKEA auf der Reise rund um den Schlaf. Was kannst du rückblickend dazu sagen? Welche Erfahrungen hast du gemacht – insbesondere während der verschiedenen Events? Konntest du etwas aus den Gesprächen mitnehmen?

Bei der Sleep School bekommen wir viele Kooperationsanfragen von verschiedenen Unternehmen. Doch viele wollen nur kurze und oberflächliche Zusammenarbeit. Bei IKEA wurde uns schnell klar, dass Schlaf dem Unternehmen wirklich am Herzen liegt. IKEA widmet sich dem Thema ganzheitlich und wir merken, dass das Unternehmen auch sichergehen will, dass die eigenen Mitarbeiter besser schlafen. Rund 20 000 Mitarbeiter haben schon Schlaf-Trainings absolviert. Es ist eine tolle Strategie, bei sich selbst anzufangen. Denn erst, wenn es bei einem selbst läuft, kann man andere Menschen von der Idee überzeugen. Und inzwischen ist daraus unter dem Motto „Work-Life-Sleep-Balance“ eine richtige Bewegung entstanden. Das ist ein großer Erfolg für allen Seiten. Vielen Dank Guy für das tolle Interview, Guy! Du möchtest noch mehr über den Familienschlaf erfahren? Hier erklärt Dr. Alfred Wiater, wieso Schlafstörungen bei Kindern sich gut behandeln lassen.