„Jeder muss den Schlafrhythmus finden, der zu ihm passt“ – Experteninterview mit Bloggerin und Autorin Tanya Neufeldt

Ob alleine oder im Familienbett, jeder muss für sich seinen perfekten Schlafrhythmus finden.

Zum Schlaf hat jeder eine Meinung – und gerade beim Thema Kinder- und Familienschlaf gehen die Vorstellungen und Einschätzungen oft auseinander. Umso spannender war es, dieses Thema bei unserem dritten Expertenforum zu diskutierten. Eine, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit uns teilte, war Tanya Neufeldt. Sie betreibt u.a. den Blog „Lucie’s Table“, den sie nach der Geburt ihres Sohnes startete. Wir haben mit Tanya über ihr Leben als berufstätige Mutter, ungewollte Schlaftipps und Intuition gesprochen.

Ikea Interview Tanya Neufeldt 01 Tanya Neufeldt lebt mit ihrer Familie in Berlin und schreibt u.a. über das Thema Schlaf. Fotocredit: Lisa Dietermann

Liebe Tanya, erzähl uns doch ein bisschen über dich und deine Beziehung zum Schlaf.

Ich lebe in Berlin und bin Mutter eines Sohnes – außerdem bin ich Autorin, Bloggerin und Mitgründerin der Social Moms. Für mein letztes Buch „Mütter aus Deutschland“ habe ich Mamas im ganzen Land besucht und ihre Geschichten festgehalten.

Zuletzt habe ich gemeinsam mit Camilla Rando die Online-Plattform Social Moms ins Leben gerufen, die wir im Job-Tandem führen. Die Social Moms sind eine Plattform zur Vernetzung von Müttern. Zusätzlich dazu haben wir noch eine Influencer-Marketing-Agentur gegründet („Social Moms Agency“), die sich auf die Zielgruppe Mütter und Familie spezialisiert hat. Meine Beziehung zum Schlaf ist sehr einfach – ich liebe es zu schlafen und brauche auch meine acht bis neun Stunden Schlaf, sonst bin ich „knatschig“. Im Übrigen bin ich eine absolute Lerche, früh aufstehen ist für mich kein Problem.

Wie würdest du dein Schlafverhalten bevor und nachdem du dein Kind bekommen hast beschreiben?

Ich habe immer gerne und viel geschlafen – und mit Kind ändert sich natürlich alles (lacht). Ich musste mich erst an den mangelnden und unregelmäßigen Schlaf gewöhnen, tatsächlich war das Schlafdefizit eines meiner größten Probleme – und mein Sohn hat, bis er vier Jahre alt war, auch einfach sehr schlecht geschlafen.

Hast du dich erst durch deinen Sohn intensiver mit dem Thema Schlaf – und welche Rolle er spielt – auseinandergesetzt, oder schon davor?

Mir war schon immer bewusst, wie wichtig Schlaf ist. Schlafentzug ist ja nicht ohne Grund eine Foltermethode. Aber durch mein Kind habe ich angefangen, mich explizit mit dem Schlaf auseinanderzusetzen – denn er hat mich fast vier Jahre lang immer gegen vier Uhr morgens geweckt. Ich habe versucht herauszufinden, wie ich die Tage gestalten muss, damit seine (und meine) Nächte ruhiger und vor allem länger werden.

Welche „Beziehung“ hast du zum Schlaf? Du hast ja im Expertenforum erzählt, dass gerade die ersten Jahre mit deinem Sohn in dieser Hinsicht schwierig waren?

Der Schlaf und ich haben eine sehr enge „Beziehung“! Guter oder schlechter Schlaf beeinflussen das Leben einfach immens – das spüren wir alle. Ich habe irgendwann bemerkt, dass mein Sohn abends einfach Zeit zum Verarbeiten des Tages braucht. Als er noch ganz klein war, musste ich dafür sorgen, dass er mindestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen Zeit für sich hatte, zum alleine Spielen, Kuscheln oder Vorlesen – ohne Aufregung. Wenn er diese Zeit hatte, dann waren die Nächte ruhiger. Teilweise war es natürlich etwas schade, weil wir manchmal früher nach Hause mussten, als unsere Freunde. Andere Kinder können bis 22 Uhr unterwegs sein und schlafen super. Meiner nicht.

Ikea Interview Tanya Neufeldt 02 Besonders wenn der Nachwuchs da ist, muss man sich mit dem Schlaf beschäftigen.

Es war immer ein Abwägen – bleibe ich an einem schönen Sommerabend mit ihm noch etwas draußen oder möchte ich lieber eine ruhige Nacht erleben? Ich habe mich da viel auf meine Intuition verlassen, Ratgeber haben sich für mich oft falsch angefühlt. Zum Glück hatte ich eine tolle Hebamme, die mir viele Tipps gegeben hat und mich immer wieder daran erinnert hat, auf meine Intuition zu hören. Trotzdem musste auch ich mir immer wieder Sprüche anhören wie: „Wieso schläft er denn noch nicht alleine ein?“, oder einfach: „Wieso machst du das jetzt so?“ – jeder muss seinen eigenen Weg finden.

Was hast du durch deine Familie über das Schlafen gelernt?

Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass man gut auf sich achten muss. Und ganz anders mit seinem Schlaf haushalten sollte. Früher habe ich mich immer mal kurz für einen Powernap hingelegt. Mit Kind geht das nur, wenn es ebenfalls schläft. Doch gerade mit kleinem Kind nutzt man diese Zeit, um etwas zu erledigen – und sei es nur kurz in Ruhe einen Kaffee zu trinken und E-Mails zu beantworten. Das erforderte dann große Disziplin, auf seinen Körper zu hören und zu sagen – stopp, ich lege mich jetzt trotzdem zehn Minuten hin, denn danach geht es mir besser. Es hat einige Zeit und viel Concealer gebraucht, bis ich meine Gewohnheiten geändert hatte. ;-)

Was war/ist für dich persönlich die größte Herausforderung, wenn es um Schlaf und Familie geht?

Mein Sohn ist inzwischen zehn Jahre alt und wir haben keine großen Herausforderungen mehr, wenn um den Schlaf geht. Allerdings geht er jetzt später ins Bett und die Zeit, die man abends auch mal alleine verbringen kann, wird weniger. Während der Corona-Pandemie habe ich gemerkt, dass er wieder anhänglich wurde – was ich gut verstehe. Es ist einfach eine Zeit der Unruhe, Unsicherheiten und der Fragezeichen.

Wir haben über Wochen 24 Stunden zusammen verbracht – das war einerseits schön, andererseits aber auch eine riesige Herausforderung. Ich musste ja trotzdem arbeiten – neben Homeschooling und Haushalt. Gerade in dieser stressigen Zeit habe ich wieder gemerkt, wie wichtig guter Schlaf und Ruhephasen sind. Wie auch bei vielen anderen, hat sich unser Rhythmus um gut eine Stunde nach hinten verschoben. Es war interessant zu sehen, was eigentlich unser natürlicher Rhythmus ist. Und hat mir auch gezeigt, wie absurd es ist, dass die Schule um acht Uhr morgens anfängt.

Ikea Interview Tanya Neufeldt 07 Kinder können den Schlafrhythmus der Eltern auf den Kopf stellen – Tanya Neufeldt rät dazu, auf die eigene Intuition zu hören.


Du hast während des Expertenforums erwähnt, dass das Abwägen zwischen Intuition und dem, was einem durch die Gesellschaft, Ratgeber etc. suggeriert wird, oft schwerfällt. Wie gehst du damit um und welchen Tipp würdest du Eltern geben?

Ich bin eine große Befürworterin der Intuition. Wir haben sie alle, sie ist nur etwas vergraben. Viele Menschen – oft auch Mütter untereinander – geben ungefragt Tipps und führen vermeidliche Statistiken auf. Gerade beim ersten Kind weiß man vieles natürlich noch nicht und der Druck, alles richtig machen zu wollen, ist enorm. Das Schlaf „funktionieren“ muss, ist schlichtweg Unsinn. Babys müssen erstmal den Unterschied zwischen Tag und Nacht verstehen. Trotzdem wird mit „schlechtem“ Schlaf des Kindes auch oft ein Versagen verbunden und die Eltern, vor allem die Mütter, hinterfragt. Das baut noch mehr Stress auf. Mein Tipp: Höre auf dich selbst und tausche dich mit Menschen aus, die eine ähnliche Gefühlswelt und ähnliche Wertevorstellungen haben. Und suche dir eine gute Hebamme oder Kinderarzt.

Du hast erfolgreich als Schauspielerin gearbeitet und mit der Geburt deines Sohnes deinen Blog Lucie Marshall (jetzt Lucies Table) gestartet – wieso wolltest du andere an eurem Leben teilhaben lassen?

Ich habe mit dem Blog angefangen, als mein Sohn knapp zwei Jahre alt war – einfach, weil mir der Humor in diesem ganzen Thema „Muttersein“ gefehlt hat. Den Druck und Anspruch, alles perfekt machen zu wollen und zu müssen, fand ich ganz furchtbar, habe mich aber natürlich selber dabei ständig ertappt. Aber darüber lachen ist unendlich hilfreich.

Ich wollte zeigen: Ich bin zum ersten Mal Mutter und ja, natürlich mache ich Fehler. Ich mache das ja auch zum ersten Mal. Ich gebe mein Bestes und lerne dabei. Und wenn man mal wieder über seinen eigenen Perfektionismus stolpert, dann hilft es enorm, darüber zu lachen. Durch den Blog wollte ich andere Müttern beruhigen und daran erinnern: Ihr seid nicht alleine da draußen! Wir machen alle einen tollen Job und selbst wenn mal etwas schiefläuft, seid milde mit euch. Morgen ist ein neuer Tag.

Ikea Interview Tanya Neufeldt 05 Routinen vor dem Schlafengehen sind nicht nur für Erwachsene gut, sondern auch für Kinder.

Welche Reaktionen hast du auf deine Berichte auf deinem Blog bekommen und was hat dich vielleicht überrascht, positiv wie negativ?

Die Reaktionen waren durch die Bank weg gut. „Endlich sagt mal jemand, wie es wirklich ist und redet nicht alles schön“, war ein häufiger Kommentar. Es war eine Erleichterung zu spüren, dass es anderen auch so geht. Und auch eine Erleichterung, das man lachen darf.

Ich habe auf negative Reaktionen gewartet, denn es gibt immer Menschen mit anderen Ansichten. Aber interessanterweise kamen sie nicht bzw. sind nicht bis zu mir durchgedrungen.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich immer klargemacht habe, das hier ist meine Meinung. Ich bin nicht dogmatisch. Mein Weg funktioniert für mich und wenn er auch für andere funktioniert, freut mich das. Ansonsten freue ich mich, wenn dein Weg für dich funktioniert.

Ich habe nie versucht zu polarisieren und auf meiner Meinung zu beharren. Das habe mich mir nie angemaßt. Ich nehme mir nicht raus, fremde Menschen und ihre Entscheidungen zu bewerten. Ich kenne ihr Leben nicht und auch nicht ihre Geschichte.

Ikea Interview Tanya Neufeldt 04 Gemeinsames Kochen und zu Abend essen ist für Tanya ein fester Bestandteil der Abendroutine.

Du hast während des Expertenforums das heiß diskutierte Familienbett angesprochen – früher verpönt, heute Trend. Wie sind deine Meinung oder Erfahrung damit?

Das muss jeder für sich entscheiden – aber für uns hat das Familienbett super funktioniert, wobei es inzwischen eher die Matratze neben dem Bett ist. Ich würde jedem raten, offen zu sein für das, was guttut. Grundsätzlich ist es schön, dass das Familienbett nicht mehr verpönt ist, sondern einfach eine weitere Möglichkeit bietet.

Welche Einschlaf-Tipps hast du für dich, aber auch für dein Kind?

Für mich ist das „Runterkommen“ nach einem Tag sehr wichtig – nicht mit Highspeed direkt ins Bett. Es sind aber auch Routinen wie das Smartphone abends zur Seite zu legen, schön kochen, beim Abendessen vom Tag erzählen und ihn damit hinter sich lassen. Ein heißes Bad nehmen und ein Buch lesen bevor man ins Bett geht – sei es alleine oder gemeinsam mit dem Kind – gehört ebenfalls zu unserer Routine. Und dann einmal das Schlafzimmer gut durchlüften und ab unter die Decke. Mir ist auch wichtig, dass das Schlafzimmer „arbeitsfrei“ ist. Nicht noch E-Mails im Bett beantworten. Gerade in der Coronazeit, als wir uns nur in unseren vier Wänden aufhielten, war es ganz besonders wichtig, einen Raum für Ruhe und Entspannung zu schaffen. Ich habe tatsächlich mein Schlafzimmer in der Zeit nochmal neu dekoriert und entmistet.

Danke für deine Zeit, Tanya! Wie sieht eigentlich dein Schlaf aus? Hier findest du 21 Tipps für einen besseren Schlaf!