„Schlafstörungen lassen sich gut behandeln“ – Experteninterview mit Kinderarzt Dr. Alfred Wiater

Schlaf ist in jedem Alter wichtig, doch vor allem bei Kindern verändert sich das Schlafverhalten regelmäßig.

Schlaf ist in jedem Alter ein wichtiges Thema – doch gerade bei Kindern verändert sich bis zur Pubertät das Schlafverhalten regelmäßig. Das ist oft für die ganze Familie eine Herausforderung, die es gemeinsam zu bewältigen gilt. Wie spannend und relevant der Kinder- und Familienschlaf ist, haben wir bei unserem dritten Expertenforum mit Teilnehmern und Experten diskutiert. Einer davon ist Dr. Alfred Wiater. Er war Chefarzt der Kinderklinik des Krankenhauses Porz am Rhein in Köln und bis 2018 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Gerade erst hat er mit Kollegen ein neues Buch veröffentlicht: In „Praxishandbuch Kinderschlaf“ beschäftigen sie sich mit Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen – ein Feld, das zunehmend an Relevanz gewinnt.

Wir haben mit Alfred über sein Verhältnis zum Schlaf, Tipps für Eltern und Schlafprobleme bei Kindern gesprochen.

Ikea Alfred Wiater 05A Dr. Alfred Wiater ist ein gefragter Experte, wenn es um Kinderschlaf geht.

Lieber Alfred, erzähle uns doch ein bisschen über dich und deine eigene Beziehung zum Schlaf.

Meiner Meinung nach wird die Bedeutung des Schlafens in unserer Gesellschaft immer noch unterschätzt. Deshalb beschäftige ich mich seit über 30 Jahren mit dem Thema: wissenschaftlich, in der klinisch-praktischen Arbeit und in Publikationen. Ich selbst habe erfahren, wie viele äußere Faktoren – nicht zuletzt der Stress – den Schlaf negativ beeinflussen können und das hat wiederum Auswirkungen auf die Tagesaktivitäten. So habe ich den Wert des erholsamen Schlafes kennengelernt und genieße es inzwischen, gut zu schlafen.

Wie bist du dazu gekommen, dich mit der Schlafforschung bzw. -medizin zu beschäftigen? Was fasziniert dich daran?

Als Kinderarzt habe ich mich Mitte der 90er-Jahre intensiv mit dem Problem des Plötzlichen Säuglingstodes, der unbemerkt im Schlaf auftritt, beschäftigt. Wir haben seinerzeit begonnen, vermeintliche Risikokinder im Schlaflabor zu untersuchen. Leider war es nur möglich, einen Teil der Kinder mit einem erhöhten Säuglingstodrisiko zu identifizieren. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Schlaf führte aber dazu, andere Probleme zu erfassen, wie z.B. die Schlafapnoe, die auch bei Kindern vorkommt. Das Spektrum hat sich dann durch die Zusammenarbeit mit vielen Fachkollegen und Experten aus unterschiedlichen medizinischen Bereichen in der „Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin“ (DGSM) immer mehr erweitert. Von 2012 bis 2018 hatte ich die Aufgabe, die DGSM als Vorsitzender zu führen. Der interdisziplinäre Austausch in der Schlafmedizin ist immer noch etwas, was mich sehr beeindruckt und motiviert.

Ikea Alfred Wiater 02 Regelmäßige Mahlzeiten sind für Kinder wichtig – sie sollten nicht hungrig oder übersättigt ins Bett gehen.

Du hast in deinem Beruf mit vielen Eltern und Kindern zusammengearbeitet und u.a. die große Kölner Schlafstudie von 2003 mitbetreut – was hat dich dabei am meisten überrascht?

Die Kölner Kinderschlafstudie hat gezeigt, wie wichtig regelmäßige Zubettgeh- und Aufwachzeiten sowie ausreichend langer Schlaf für Kinder sind. Erschrocken habe ich mich darüber, dass deutlich weniger Schlafprobleme von den Eltern beschrieben wurden als von den Kindern selbst. Das hat gezeigt, dass Eltern die Befindlichkeiten ihrer Kinder nicht immer hinreichend wahrnehmen.

Wenn du mit all deiner Erfahrung Eltern einen Tipp zum Schlaf ihrer Kinder geben könntest, welcher wäre das?

Tageslicht am Morgen, genügend körperliche Aktivitäten tagsüber und ein regelmäßiger, strukturierter Tagesablauf sind hilfreich, um gut zu schlafen. Außerdem sollten Reizeinwirkungen, insbesondere durch die Medien, möglichst geringgehalten werden.

Vor allem Babys und Kleinkinder können noch nicht kommunizieren, was ihnen fehlt und schlafen oft unregelmäßig – welchen Tipp hast du gerade für junge Eltern?

Tatsächlich können Eltern den Schlaf-Wach-Rhythmus ihrer Kinder von Anfang an bahnen und beeinflussen. Regelmäßige Mahl- und Schlafenszeiten sind dafür hilfreich. Auch im Säuglings- und Kleinkindalter können sich zu häufige und zu intensive Reizeinwirkungen negativ auf den Schlaf auswirken. Deshalb sind der Fernseher und andere Medien in den ersten Lebensjahren tabu. Wenn Eltern sich genügend Zeit nehmen können, um die Bedürfnisse ihrer Kleinen wahrzunehmen, werden sie am Verhalten, an der Mimik und Gestik feststellen können, wann es Zeit für ein Nickerchen ist.

Ikea Alfred Wiater 06 Gute Nacht? Auch Kinder können unter Schlafstörungen leiden.

Schlafstörungen im Kindesalter sind mit einer Häufigkeit von etwa 20 Prozent weit verbreitet und stellen für die betroffenen Kinder und ihre Eltern oft eine hohe Belastung dar – wie können Eltern sich und ihren Kindern helfen, wo können sie ansetzen?

Schlaffragebögen und das Führen eines Schlaf-Wach-Tagebuches können erste Anhaltspunkte geben. Danach sollte das Gespräch mit dem Kinderarzt folgen, um sich intensiv beraten zu lassen. Wichtig ist, nicht wochenlang zu warten, weil Schlafstörungen, auch bei Kindern, bereits nach einigen Wochen chronisch werden können.

Jeder Mensch und somit auch jedes Kind ist anders – was würdest du Eltern raten, wie kann man am besten herausfinden, was dem eigenen Kind fehlt bzw. hilft?

Da spielt die elterliche Intuition eine wichtige Rolle, ergänzt durch Maßnahmen wie das Ausfüllen von Fragebögen und das Führen eines Schlaf-Wach-Protokolls. Manchmal ist es auch hilfreich, typische Situationen per Video aufzunehmen und mit Abstand nochmals zu betrachten. Kindermediziner können da behilflich sein.

Was sind häufige Ursachen für Ein- und Durchschlafprobleme bei Kindern?

Wir unterscheiden wie bei den Erwachsenen zwischen organisch bedingten und psychisch bedingten Schlafstörungen bei Kindern. Organisch bedingt ist beispielsweise die Schlafapnoe, die auch bei Kindern schon zu erheblichen Sauerstoffmangelzuständen im Schlaf führen kann.

Bei den nicht organisch bedingten Störungen handelt es sich um Folgen mangelnder Schlafhygiene und verhaltensbedingte Schlafstörungen durch Interaktionsstörungen zwischen Eltern und Kindern sowie mangelnde erzieherische Grenzziehungen. Beide Formen der Schlafstörungen lassen sich gut behandeln.

Ikea Alfred Wiater 04 Einschlafrituale helfen dabei, den Tag ausklingen zu lassen – am besten ohne Smartphone oder andere Technik.

Welche Folgen können Schlafprobleme und das damit verbundene Schlafdefizit bei Kindern haben?

Schlafstörungen beeinflussen die Tagesaktivitäten der Kinder. Sie sind unruhiger, unkonzentrierter und die schulische Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt. Die Stimmung ist schlecht, auch Angststörungen können auftreten. Das Immunsystem ist betroffen – mit erhöhter Infektanfälligkeit, der Stoffwechsel ist gestört und das Wachstum ist beeinträchtigt, da das Wachstumshormon im Schlaf ausgeschüttet wird. Kinder mit Schlafapnoen können auch Bluthochdruck und Herzprobleme entwickeln. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder gut schlafen.

In welchem Alter treten am häufigsten Schlafprobleme bei Kindern auf und warum?

In der Säuglingszeit ist der Schlaf besonders störanfällig, weil die für den Schlaf relevanten neuronalen Strukturen erst noch heranreifen müssen. Auch im späteren Kindergarten- und frühen Schulalter können Schlafprobleme auftreten, weil es bei bis zu fünf Prozent der Kinder zu Schlafapnoen kommt, am häufigsten infolge vergrößerter Rachen- und Gaumenmandeln. Jugendliche leiden unter einem „sozialen Jetlag“, da ihre innere Uhr sie erst später müde werden lässt und der frühe Schulbeginn verhindert, dass sie ausreichend Schlaf bekommen.

Was sind generelle Empfehlungen für erholsamen Kinderschlaf?

Neben regelmäßigen Zubettgeh-, Aufsteh- und Mahlzeiten, die entsprechend dem Tagesrhythmus und dem Schlafbedürfnis des Kindes angepasst werden sollten, ist ausreichende Bewegung am Tag wichtig. Das Bett sollte nur zum Schlafen genutzt und im Kinderzimmer eine adäquate Schlafumgebung geschaffen werden. Kinder sollten nicht übersättigt oder hungrig ins Bett gehen und auch nicht „überdreht“ sein, sondern den Tag am Abend ruhig ausklingen lassen. Auch Schlafrituale und ein strukturierter Tagesablauf tragen dazu bei, dass Kinder besser schlafen. Außerdem sollte nie im Kinderzimmer geraucht und nachts kein helles Licht angemacht werden.

Ikea Alfred Wiater 01A Schlafenszeit ist auch Medien-Auszeit.

Wir alle wissen, dass die Mediennutzung Schlaf negativ beeinflussen kann – gleichzeitig haben Kinder immer früher ein Smartphone. Wie können Familien hier einen Kompromiss finden und vielleicht das Smartphone sogar sinnvoll rund um den Schlaf nutzen?

Eltern haben auch bezüglich der Mediennutzung eine Vorbildfunktion. Wenn sie selbst ständig digital unterwegs sind, motivieren sie ihre Kinder, dieses Verhalten nachzuahmen. Deshalb ist es ratsam, auf elterliche Medienbegleitung und auch Medienkontrolle von Anfang an zu achten, solange bis die Kinder eigenverantwortlich damit umgehen können – sowohl, was die Nutzungszeit als auch Medieninhalte angeht. Gemeinsam Regeln vereinbaren und auch im Freundeskreis der Kinder feste Medienauszeiten ausmachen ist sinnvoll, damit der Reiz, abends oder nachts das Smartphone zu benutzen, reduziert wird. Denn Schlafenszeit ist auch Medien-Auszeit!

Welche Aspekte sollten deiner Meinung nach noch besser erforscht werden und warum?

Die nicht organisch bedingten Ein- und Durchschlafstörungen mit Einschränkung der Tagesaktivitäten, auch Insomnie genannt, sind die häufigsten Schlafstörungen. Hier gibt es gerade im Kindes- und Jugendalter erheblichen Forschungsbedarf. Dabei geht es auch um Versorgungsforschung, um erreichen zu können, dass diese Kinder adäquat schlafmedizinisch betreut werden können. Da besteht derzeit ein erheblicher Nachholbedarf. In diesem Zusammenhang müssten auch niederschwellige flächendeckende Angebote zur frühzeitigen Elternberatung und auch zur Prävention entwickelt werden.