Kinder dürfen nicht aus dem Blick geraten

Büro und Schule in den eigenen vier Wänden unterzubringen, kann ganz schön anstrengend werden. Dabei sollte auch auf das Kindeswohl Rücksicht genommen werden. © UNICEF/UNI313388/McIlwaine

Die Corona-Krise ist für viele Menschen eine Belastung – insbesondere Kinder leiden unter den Einschränkungen und sind in Krisenzeiten viel stärker gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden. Das Kinderhilfswerk UNICEF, längjähriger Kooperationspartner von IKEA Deutschland, warnt davor, dass die Kleinsten aus dem Blick geraten. In diesem Gastbeitrag verrät UNICEF Kinderrechte-Experte Sebastian Sedlmayr, wie sich die aktuelle Situation auf den Nachwuchs auswirkt und wo Familien Unterstützung finden.

Als in Deutschland Mitte März wegen der Covid-19-Pandemie die Schulen geschlossen wurden, bemerkte mein zehnjähriger Sohn trocken: „Das ist eine Wild Card. Das steht in meinem Zukunftsbuch.“ Und tatsächlich hatten wir erst vor wenigen Wochen in einem Kindersachbuch über Zukunftsforschung gelesen: „Ein neuartiges, noch unbekanntes Virus, gegen das es kein Mittel gibt, ist eine Wild Card. Es kann morgen passieren, in zehn Jahren oder nie.“ Und nun ist es passiert.

Wer mit Kindern zu tun hat, weiß, in welch atemraubender Geschwindigkeit sie sich an neue Situationen anpassen können. Auch die kindliche Psyche kann selbst grobe Rückschläge rasch wegstecken. Allerdings bleiben bei zu heftigen oder andauernden Einwirkungen unter der Oberfläche Verformungen und Verletzungen zurück, die in manchen Fällen niemals heilen. Das zu verhindern ist unsere gemeinsame Verantwortung, in Deutschland und weltweit.

Ikea Unicef Kinderrechte 01 Aufgrund der Pandemie wurden Spielplätze in ganz Deutschland gesperrt. © UNICEF/UNI312256/Diffidenti

Kinder brauchen ein schützendes Umfeld

Ich persönlich kann zwar sagen: Auch nach einigen Wochen „Homeoffice“ und „Homeschooling“ fehlt unserer Familie wenig. Das Problem ist nur: Für viele Familien ist die Schmerzgrenze längst überschritten. Millionen von Familien in Deutschland und anderen europäischen Ländern sind mit großer Wucht von den aktuellen Problemen getroffen worden.

Die Auswirkungen bekommen gerade die Kinder zu spüren. Wenn die Wohnung zu eng ist, um sich aus dem Weg zu gehen, wenn der Frust der Eltern sich auf die Kinder überträgt, wenn weder in der Kita, noch in der Schule, noch im Bekanntenkreis jemand da ist, um zuzuhören und sie sich niemandem anvertrauen und öffnen können – auch den Großeltern nicht.

Mit den Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren sind in den vergangenen Wochen die meisten gewohnten sozialen Kontroll- und Auffangmechanismen weggefallen. Familien sind sich in ihrer Angst und ihrer Überforderung weitgehend selbst überlassen. Eine zunehmende Isolation kann gerade für Kinder in prekären Familiensituationen ernstzunehmende Folgen haben.

Ikea Unicef Kinderrechte 02 Viele Schüler lernen momentan von zuhause aus. Dafür sind gutes WLAN und ein intakter Drucker nötig. © UNICEF/UNI313108/Adelson

Kinder sind die unsichtbaren Opfer der Krise

Denn so rasch sich Kinder an neue Gegebenheiten anpassen können, so schnell können sie auch Schäden nehmen. Eine einseitige Ernährung, zu wenig Bewegung, zu wenig frische Luft oder zu wenig Zuneigung schaden Kindern viel schneller als Erwachsenen.

Ähnlich verhält es sich mit der Bildung. Jeder Monat ohne Schule verzögert die Entwicklung von Kindern verglichen mit Erwachsenen in einer vervielfachten Auswirkung. Lesen, Schreiben, Rechnen, aber auch die soziale und mentale Entfaltung der Persönlichkeit geschieht in den ersten Lebensjahren wie in einem Zeitraffer. Deshalb heißt es auch: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“

In Deutschland gibt es tausende digitaler Bildungsangebote. Aber wer kann sagen, ob sie gerade diejenigen erreichen, die sie am dringendsten benötigen? Selbst in den sogenannten bildungsnahen Schichten hat nicht jede Familie ein starkes WLAN, für jedes Kind einen Computer und einen funktionsfähigen Drucker zuhause.

Eine Katastrophe in unserem Alltag

Bis vor wenigen Wochen hätte ich mir nicht träumen lassen, selbst einmal in der Lage zu sein, auf die wir bei UNICEF ständig aufmerksam machen: Ein Krieg, eine Naturkatastrophe oder die schiere Armut verhindern, dass Kinder zur Schule gehen können. Jetzt hat eine Pandemie den Alltag in Deutschland aus den Angeln gehoben.

Wir wissen, dass Kinder in Not- und Krisenzeiten viel stärker gefährdet sind, Opfer von Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch zu werden. Der Kinderschutz steht bei UNICEF-Nothilfeeinsätzen deshalb an vorderster Stelle. Mir scheint, dass diese Grundsätze der humanitären Hilfe bei unserem eigenen Krisenmanagement noch nicht vollständig angekommen sind.

Ikea Unicef Kinderrechte 06 Im Alltag sollte besonders auf die Kinder geachtet werden, damit das Zuhause für sie ein sicherer Ort bleibt. © UNICEF/UNI320512/Calkic

Kinderrechte müssen weiter Vorrang haben

Gerade in Notzeiten gilt: Wie wir mit unseren Kindern umgehen, entscheidet über die Zukunft unserer Gesellschaft. Die viel zitierte Berücksichtigung des Kindeswohls bei staatlichen Entscheidungen braucht es jetzt mehr denn je.

In der nächsten Phase des Krisenmanagements sollten wir deshalb mehr Wert legen auf die Rechte unserer Kinder auf Schutz, auf Bildung und auf Teilhabe in Zeiten von Corona. Wie bereits für den Schutz von Frauen vor Gewalt geschehen, bräuchten wir ein Notfall-Paket für Schutz, Bildung, Teilhabe und Gesundheit der Kinder. Bund und Länder sollten sich dazu abstimmen und vor allem die schwächsten Kinder und Familien unterstützen.

Dazu zählen Kinder in kleinen Wohnungen, Kinder in Hartz IV-Familien, Kinder, deren Eltern über Nacht ihren Job verloren haben, Kinder, die auch in der Schule schon Schwierigkeiten mit selbstorganisiertem Lernen hatten, gerade erst eingewanderte Kinder, insbesondere diejenigen in Flüchtlingsunterkünften, sowie Kinder, die Angehörige wegen COVID-19 oder der Folgen der Epidemie verlieren. Diese Kinder dürfen nicht aus dem Blick geraten.

Natürlich sind neben den staatlichen Stellen auch wir alle gefragt. Sich bei Freunden und Bekannten melden, Unterstützung anbieten, Nachhilfe über Videotelefon geben, Solidarität organisieren und zeigen. All das hilft die sozialen Folgen der Corona-Krise abzumildern. Und damit werden wir auch die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen eher überstehen, die bislang meist im Vordergrund stehen.

Es ist ermutigend, die vielen Initiativen zu sehen, die schnell und unbürokratisch helfen, wie auch zum Beispiel IKEA ohne viel Aufhebens und ohne weitere Gegenleistung zum Beispiel Spielmaterial an Flüchtlingsunterkünfte verschenkt hat, damit die Kinder dort in der Corona-Zeit etwas Spaß und sinnvolle Beschäftigung haben können.

Ikea Unicef Kinderrechte 03 Es ist wichtig, dass Eltern wissen, an wen sie sich bei Fragen wenden können. © UNICEF/UNI313395/McIlwaine


Hilfreiche Links für Eltern

Wir haben Tipps und Informationen, die für Eltern und Schwangere im Zusammenhang mit dem Coronavirus hilfreich sein können, für Sie zusammengestellt:

· Hier lesen Sie, was Eltern und Schwangere zur Ausbreitung des Coronavirus jetzt wissen sollten.

· Wie können Familien den neuen Alltag zuhause gut gestalten und Spannungen vermeiden? Kinderpsychiaterin Dr. Susanne Schlüter-Müller gibt Tipps.

· Die Initiative #keinKindalleinlassen gibt eine Übersicht über Tipps und Strategien, die helfen könnten, wenn Sie sich Sorgen um ein Kind und seine Familie machen.

· Wie können Sie gut mit Ihrem Kind über COVID-19 und die aktuelle Situation sprechen? Das lesen Sie hier.

· Hier haben wir Tipps für Jugendliche: So bleibt ihr trotz des Kontaktverbotes zuversichtlich!

· Hier finden Sie Bastel-, Mal- und Spieletipps gegen Langeweile zuhause.

· Übersicht über aktuelle Informationen zu Hilfs- und Unterstützungsangebote des Bundesministeriums für Familie

· Die „Nummer gegen Kummer“ bietet Telefonberatung für Kinder, Jugendliche und Eltern.

· Das Elterntelefon richtet sich an Mütter und Väter, die sich unkompliziert und anonym konkrete Ratschläge holen möchten.