Schlaf & New Work

Welche Rolle spielt Schlaf in unserer heutigen, digitalisierten Arbeitswelt? Müssen wir unsere Nachtruhe wirklich an vorgegebene Arbeitszeiten und -strukturen anpassen – oder kann es vielleicht auch genau anders herum sein? Und warum sind Kurzschläfer nicht leistungsfähiger als Langschläfer?

Mit diesen und weiteren Fragen hat sich die ehemalige Managerin und Gründerin der „Female Leadership Academy“, Vera Strauch, auf unserem zweiten Expertenforum zum Thema „Schlaf und Arbeitswelt“ beschäftigt. Vera hat uns als ausgewiesene Business-Expertin die Rolle der Regeneration in der Arbeitswelt erklärt und aufgezeigt, wie sich die zukünftige Arbeitskultur im Vergleich zu heute verändern könnte.

Ikea Vera Strauch 01 Klare Grenzen müssen im Alltag gezogen werden, um unsere Gesundheit aufrecht zu erhalten.

Welche Auswirkungen hat der digitale Wandel auf unser Arbeitsleben? Welche Probleme können dadurch für den Schlaf entstehen?

Der Wandel ermöglicht eine digitale Vernetzung der Arbeitswelt, in der eine neue Art der Kommunikation und schnellere Form der Entscheidungsfindung ermöglicht wird. Die Grenzen des Arbeits- und Privatlebens verschwimmen immer mehr miteinander, wodurch der Schlaf, aber auch die Gesundheit negativ beeinflusst werden können. Dank digitaler Hilfsmittel und mobile Endgeräte ist es möglich, ständig und von überall aus erreichbar zu sein. Die Vernetzung bietet die Chance von Zuhause aus zu arbeiten oder sogar aus dem Bett heraus berufliche E-Mails zu verschicken. Die dadurch entstehende Flexibilität bringt selbstverständlich viele Vorteile mit sich, gleichzeitig müssen wir uns aber auch im Klaren sein, wo im Alltag Grenzen gut sind und gezogen werden müssen, um unser Wohlergehen zu sichern.

Man spricht beim Schlafmangel von einer Epidemie. Inwiefern kann diese gestoppt werden und welchen Einfluss hätte eine Veränderung der Schlafgewohnheiten auf unseren Arbeitsalltag?

Schlaf ist eines der, wenn nicht sogar das effektivste Mittel für die Gesundheit und die Steigerung der Leistungsfähigkeit. Die Auswirkungen auf unseren Arbeitsalltag liegen demnach auf der Hand: Weniger Krankheitsfälle bedeuten mehr Wohlbefinden und höhere geistige beziehungsweise körperliche Leistungsfähigkeit. Gründe, die uns veranlassen sollten einen optimalen Schlafrhythmus anzustreben sowie ein gesünderes und effizienteres Arbeiten zu ermöglichen.

Ikea Vera Strauch 02 Der Schlaf ist das beste Mittel für ein gesundes Leben und wirkt zudem auf die Produktivität im Arbeitsleben ein.

Was sagt das „Eulen- und Lerchen-Beispiel“ über dieses Thema aus?

Unsere Arbeitswelt ist immer noch sehr stark durch das vergangene Industriezeitalter geprägt: Der Arbeitsbeginn früh am Morgen ist in vielen Branchen weiterhin Usus – auch wenn die Rahmenbedingungen es vielleicht gar nicht mehr unbedingt erforderlich machen. Eine Welt, die am frühen Morgen mit der Arbeit beginnt, ist vorteilhaft für all die Menschen, die genetisch bedingt zu frühen Stunden schon leistungsfähig sind – die sogenannten „Lerchen".

Wissenschaftlich gesehen gibt es allerdings auch viele Menschen, die eher später am Morgen oder erst um die Mittagszeit aktiv und leistungsfähiger werden. Diese sogenannten „Eulen" laufen zur Hochform auf, wenn sie länger schlafen und dafür dann bis in die Abendstunden konzentriert arbeiten können. Die gewöhnlichen, traditionellen Arbeitsstrukturen sind eher vorteilhaft für Lerchen. Ganz im Gegenteil für die „Eulen“. Die Spätaufsteher zwängen sich in ein System, das sie weniger produktiv sein lässt.

Der digitale Wandel der Arbeitswelt hat den großen Vorteil, dass wir mehr Flexibilität gewinnen, die Arbeitsverhältnisse an den Menschen anzupassen und nicht anders herum. Wir brauchen Arbeitsbedingungen, in denen die individuellen Bedürfnisse von Menschen mehr Raum und Priorität haben. Davon profitiert die Produktivität der Gesellschaft – und damit schlussendlich die der Wirtschaft.Unsere Arbeitswelt ist immer noch sehr stark durch das vergangene Industriezeitalter geprägt: Der Arbeitsbeginn früh am Morgen ist in vielen Branchen weiterhin Usus – auch wenn die Rahmenbedingungen es vielleicht gar nicht mehr unbedingt erforderlich machen. Eine Welt, die am frühen Morgen mit der Arbeit beginnt, ist vorteilhaft für all die Menschen, die genetisch bedingt zu frühen Stunden schon leistungsfähig sind – also die sogenannten „Lerchen".

Ikea Vera Strauch 03 Das Image des Schlafs muss verändert werden, damit die Arbeitswelt und die Nachtruhe wieder im Gleichgewicht stehen können.

Glaubst du, dass sich der Schlaf in Zukunft verändern und sich mehr an unsere Arbeitswelt orientieren wird?

Ich beobachte, dass immer mehr Arbeitgeber*innen zunehmend die Vorteile einer ausgeschlafenen Belegschaft erkennen. Die Qualität und die Aufmerksamkeit, die wir diesem Thema schenken, nehmen zu und das ist gut so. Wir brauchen mehr Achtsamkeit und Verständnis – auch für individuelle Bedürfnisse. Die Arbeitswelt kann hier gute Beispiele vorleben. Ein wichtiger Schritt wäre, dass es in der Management-Kultur nicht mehr als „schick" gilt, wenig zu schlafen und keine Pausen zu machen, sondern dem eigenen Wohlbefinden bewusst Raum gegeben werden muss. Es wird in meinen Augen kein Weg daran vorbeiführen, dass wir Arbeit und Leben mehr integrieren und uns gemeinsam Lösungen für gesunde Arbeits- und Lebenskonzepte überlegen. Dabei sind wir alle gefragt!