Mitbestimmung leicht gemacht – für starke Kinder

Kinder und ihre Rechte stehen seit über 100 Jahren im Fokus der Arbeit von Save the Children. So auch in unserem Projekt „Kinderleicht – Kinderstark. Kinder stärken – Kinder schützen“, dessen Ziel es ist, Fachkräfte in Kindertagesstätten für die Kinderrechte auf Schutz und Beteiligung weiter zu sensibilisieren und Kindern ein sicheres Lern- und Lebensumfeld zu schaffen. Ein wichtiges Thema ist die Beteiligung von Kindern an Entscheidungen, die sie betreffen. Im Projekt zur Frage „Wieso es wichtig ist, dass Kinder mitbestimmen?“, arbeitet die Diplom-Pädagogin Anne Ruppert. Von ihr möchte ich wissen, wie die Mitbestimmung von Kindern auch im Familienalltag gelingen kann.

Save The Children 7 Anne Ruppert arbeitet im Projekt „Kinderleicht – Kinderstark“ zum Thema Partizipation mit den Kitas.


Anne, erzähle uns doch etwas über dich!

Gerne, mein Name ist Anne Ruppert. Ich bin Diplom-Pädagogin, arbeite als Trainerin mit Einrichtungen im sozialen Bereich zusammen und schreibe Bücher zu pädagogischen Themen. Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern, was mir oft hilft, die Dinge nicht nur aus fachlicher, sondern auch aus Elternsicht zu sehen.

Wir alle leben gerade in herausfordernden Zeiten, vor allem Familien sehen sich mit der Kinderbetreuung zu Hause in einer außergewöhnlichen Situation. Wie wichtig ist es gerade jetzt, Kinder zu Hause mitentscheiden zu lassen?

Wir leben alle gerade sehr eingeschränkt, sehr begrenzt und teilweise abgeschnitten von der Umwelt. Da ist es wichtig, Räume zu schaffen, in denen wir das Gefühl haben, selbst entscheiden zu können und in Kontakt zu stehen. Für zu Hause heißt das, Kindern Freiräume zu geben, ihren eigenen Alltag mitzubestimmen: Wie und wo wird für die Schule gearbeitet? Wann ist Spielzeit alleine, damit die Eltern arbeiten können? Wann ist Familienzeit? Dabei ist es wichtig, dass mit den Kindern eine Struktur erarbeitet wird, auf die gemeinsam geachtet wird, z.B. in Form eines Wochenplans. Auch die Eltern müssen sich daran halten. Das gemeinschaftliche Einhalten der Struktur stärkt wiederum das Gefühl von Zugehörigkeit, was gerade so eingeschränkt ist.

Save The Children 2 Es ist wichtig, Kinder bei Entscheidungen, die sie selbst betreffen, miteinzubeziehen.

Was bedeutet für Dich Partizipation von Kindern?

Partizipation heißt für mich, Kinder in Entscheidungen mit einzubeziehen, die ihr eigenes Leben betreffen. Partizipation fängt dabei an, informiert zu werden, es startet bei „wir essen heute um 18:00 Uhr“ und geht weiter im gemeinsamen Besprechen von Aktivitäten, wie „was wollen wir am Wochenende unternehmen?“. Dabei haben alle das Recht mitzubestimmen, nicht nur die Kinder, auch die Eltern. Es ist eine gemeinsame Entscheidung. Gerade in Zeiten von Homeschooling ist es ganz wichtig, die Kinder nach ihren Bedürfnissen zu fragen, aber gleichzeitig auch seine eigenen als Eltern zu äußern: „Du machst gerne abends deine Aufgaben, ich möchte ab 20:00 Uhr Feierabend haben – wie finden wir eine Lösung, die für uns beide gut ist?“

Save The Children 6 Die Partizipation von Kindern wird in Kitas mit dem Projekt „Kinderleicht-Kinderstark“ umgesetzt. © Save the Children


Dürfen denn Kinder überhaupt alles mitentscheiden?

Aus der Wissenschaft wissen wir, dass Menschen gar nicht immer alles entscheiden wollen – viel wichtiger ist es für uns, nach unserer Meinung gefragt und informiert zu werden, warum unsere Ideen nicht berücksichtigt werden können. Wenn Kinder abends alleine im Dunkeln unterwegs sein wollen, sollten sie verstehen, warum es zu ihrem eigenen Schutz nicht möglich ist. Dabei gibt es eine einfache Faustregel zu den Grenzen der Mitbestimmung: Wenn ich als Elternteil keine nachvollziehbare Begründung dafür liefern kann, warum Ideen des Kindes nicht berücksichtigt werden können, sollte ich mich nochmal fragen: „Warum eigentlich nicht?“

Save The Children 3 In der Kita Regenbogen in Berlin bestimmen die Kinder beim Essen mit. © Save the Children

Im Projekt „Kinderleicht – Kinderstark“ arbeitest Du mit Kitas zum Thema Partizipation von Kindern. Was gefällt Dir besonders an diesem Projekt?

Mir gefällt daran, dass Kinderschutz nicht für, sondern mit den Kindern erarbeitet wird. Wenn Kinder sich im Kita-Alltag äußern dürfen, lernen sie wie nebenher, sich zu beteiligen und einzubringen, eine eigene Meinung zu haben, die Stimme zu erheben, wenn sie mit Dingen nicht einverstanden sind – und damit auch, sich zu schützen. Wie der Projektname schon sagt, soll es für Kinder leicht sein, stark zu sein – und so soll es in der Praxis umgesetzt werden. Es geht darum, allen Kindern eine Stimme zu geben: Seine Meinung zu äußern, sichtbar zu werden, auch mal gegen die Meinung der anderen zu sein sind Grundlage jedes Kinderschutzkonzeptes und gleichzeitig Bestandteil, um die Entwicklung unserer Gesellschaft am Laufen zu halten.

Save The Children 4 Auch für die kleinen Köche der Kita Regenbogen gilt: Gleiches Recht für alle! © Save the Children

Was sind wichtige Erkenntnisse, die Du auch den Eltern gerne mitgeben möchtest? Hast Du Tipps für den Familienalltag?

Mein erster Tipp ist es, als Eltern nicht das Gefühl zu haben, alles alleine stemmen zu müssen. Holt die Kinder mit ins Boot. Erarbeitet als Familie gemeinschaftlich einen Plan, mit täglich wiederkehrender Struktur. Schaut, wann ist Arbeitszeit, wann ist Freizeit und plant auch gemeinsame Aktivitäten als Familie, wie z.B. einen täglichen Spaziergang, immer zur selben Zeit und danach einen gemeinsamen Kakao. Erstellt den Plan und hängt ihn für alle sichtbar auf. Kauft eine Eieruhr und stellt auch für die ganz Kleinen den Wecker, wie lange nun Arbeitszeit bzw. Spielzeit ist. Startet mit kurzen Sequenzen und weitet diese täglich aus. Wichtig ist, dass in der Arbeitszeit alle arbeiten bzw. spielen, egal ob am Schreibtisch oder im Haushalt. Außerdem ist es wichtig, dass alle Familienmitglieder Zeit für sich einplanen.

Wenn die Strukturen von außen wegfallen, müssen wir uns eigene erschaffen. Strukturen sorgen nämlich nicht nur für eine Ordnung, sondern sie lassen uns Dinge sichtbar abarbeiten, wie eine To-Do-Liste. Nur so fällt es uns leichter zu sehen, was wir geschafft haben.

Dabei sollte beachtet werden, dass es auch mal Tage gibt, an denen es nicht wie geplant läuft. Dann braucht es Flexibilität: So wird heute spontan weniger gemacht, dafür morgen mehr. Oder es wird ein kurzer Spaziergang eingebaut und anschließend weitergearbeitet. Das macht den Kopf frei und baut den inneren Stress ab

Mehr Informationen zum Projekt und der Arbeit von Save the Children unter: Kinderleicht Kinderstark | Save the Children Deutschland

Vielen Dank für den spannenden Einblick, liebe Anne! Wenn ihr auf der Suche nach tollen Beschäftigungen für die nächste Spielzeit seid, haben wir hier viel Inspiration und kostenlose Freebies für euch gesammelt!